15. Januar 2022

20 Jahre DELOS Forschungsstelle


Liebe Freunde,

die DELOS Forschungsstelle wird in diesem Jahr offiziell 20 Jahre alt – jedenfalls in ihrer Arbeit in unserem Haus in Eichwalde. Sie hatte allerdings schon wesentlich früher, zu Beginn der 90er Jahre, als menschenkundlich-psychotherapeutischer Forschungskreis unter der Leitung von Wolf-Ulrich Klünker die Arbeit aufgenommen. Die Institutionalisierung als gemeinnützige GmbH ist einige Jahre später erfolgt. Doch die „eigentliche“ eigenständige Arbeit konnte dann (nach der Sanierung unseres Hauses um die Jahrtausendwende) im Januar 2001 beginnen. Interessant ist vielleicht noch der kleine „formale“ Umstand, dass wir im Zuge der Sitzverlegung der Forschungsstelle eine Namensänderung vorgenommen haben: aus der „Forschungsstelle für anthroposophische Seelenwissenschaft“ wurde die „Forschungsstelle für Psychologie“. Natürlich ging es bei der Namensänderung um eine gewisse Enthistorisierung, weil der Begriff „Seelenwissenschaft“ heute weder im alltäglichen noch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch anzutreffen ist.

Wir haben aber die Arbeit der Forschungsstelle von vornherein als anthroposophische Forschung verstanden: zur Erarbeitung der menschenkundlichen Grundlagen einer Geisteswissenschaft des 21. Jahrhunderts. Dabei wurde und wird versucht, die beiden in der Gegenwart wichtigen Schwellensituationen der Individualität zu verstehen und zu verbinden: die persönliche (seelische, biografische, zwischenmenschliche) existentielle Schwelle und die geistige Schwelle, die ich überschreiten muss, wenn ich mich selbst als denkendes und unsterbliches Wesen verstehen will. In dieser Hinsicht beginnt jede Psychologie, aber auch die Anthroposophie mit der Selbsterkenntnis.

Wir planen eine Veranstaltung anläßlich des zwanzigjährigen Jubiläums im weiteren Verlauf des Jahres, sobald die Corona-Situation genauer überschaubar wird. Dazu werden wir Sie gesondert einladen.

Herzlich bedanken möchten wir uns bei allen, die uns in den vergangenen Jahren begleitet haben, mit ideeller und auch finanzieller Förderung. Und wir möchten Sie herzlich bitten, uns auch im beiderlei Hinsicht im Bewusstsein zu behalten und weiter zu unterstützen – Ende letzten Jahres hatten wir ja auf die nicht einfache wirtschaftliche Situation der Forschungsstelle hingewiesen.

Zur Charakterisierung unserer Arbeit haben wir zwei Texte aus der jüngeren DELOS-Vergangenheit ausgewählt: einen Bericht von Roland Wiese, der vor zehn Jahren anläßlich des damaligen Jubiläums der DELOS Forschungsstelle veröffentlicht wurde, und einen Aufsatz von Wolf-Ulrich Klünker aus dem Jahr 2012, der Grundlagen und Ausrichtung einer Psychologie der Zukunft beschreibt. Wir haben den Eindruck, dass beide Texte die Intention, den Sinn und dem „Geist“ der DELOS Forschungsstelle auch heute noch anschaulich charakterisieren.

Mit herzlichen Grüßen

Wolf-Ulrich Klünker,

Roland Wiese,

Ramona Rehn

Eichwalde, 12. Januar 2022

Foto: Eurythmiebegleitung (Lochkamerabild von Ramona Rehn)

Ein Delphin taucht selten allein

10 Jahre DELOS-Forschungsstelle in Berlin Eichwalde

Aus: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland. Ausgabe 10/2012

Im Februar 2002 begann die Seminararbeit in Eichwalde mit einem Seminar mit dem Titel ‚Horizonte einer Zukunftswissenschaft vom Menschen‘ mit Gottfried Stockmar und Wolf-Ulrich Klünker. Im Juli 2012 war das Arbeitsthema: Selbsterkenntnis III (Empfindung der Farbe und Almechanik der Form) mit Wolf-Ulrich Klünker. In den letzten zehn Jahren haben in dem schönen Jugendstilhaus ungefähr 30 seminarartige Veranstaltungen mit jeweils 40-50 Teilnehmern stattgefunden (Leider reichen die Plätze nie für alle Interessenten). Daneben gab es viele Forschungstreffen zu therapeutischen Fragestellungen. Viele Themen dieser inhaltlichen Arbeit haben inzwischen ihren Niederschlag in Veröffentlichungen von Wolf-Ulrich Klünker gefunden. Es seien hier nur erwähnt: ‚Die Antwort der Seele – Psychologie an den Grenzen des Ich‘ und ‚Die Empfindung des Schicksals. Biographie und Karma im 20 Jahrhundert‘.

Was 2002 noch Horizonte einer Zukunftswissenschaft vom Menschen genannt werden musste, hat sich in den letzten zehn Jahren mit Inhalt gefüllt. Ein Inhalt, eine Zukunftswissenschaft, die heute vom Menschen benötigt wird, um selbst eine Zukunft schaffen zu können, die mit Recht noch menschlich genannt werden kann. Die maßlose Ökonomisierung nahezu aller menschlichen und natürlichen Verhältnisse spricht allzu deutlich von einem Vakuum geistiger Orientierung und Selbstbestimmung. Auch viele therapeutische Fragen der Gegenwart lassen sich auf diese geistige Ursache zurückführen. Die Zukunftswissenschaft des Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts brauchte anscheinend aber auch eine neue Arbeits- und Lebensform. Die Arbeit in Eichwalde, begründet in der damals noch neuen Zusammenarbeit von Monika Elbert und Wolf-Ulrich Klünker, bedeutet insofern nicht nur inhaltlich ‚Zukunft‘, sondern bedurfte auch eines verbindlicheren Zusammenhangs zwischen den Veranstaltern, den Teilnehmern und dem Ort. Das Haus in Eichwalde hat dafür neue Möglichkeiten geboten.

Die Grundbedingung, dass eine solche gemeinsame kontinuierliche geistige Arbeit über zehn Jahre stattfinden kann, sind aus heutiger Sicht relativ deutlich: Es braucht ein wirklich freies Geistesleben und bedarf der völligen Voraussetzungslosigkeit der Veranstaltungen. Sie müssten nicht stattfinden. Weder aus programmatischen Gründen, noch aus finanziellen oder anderen Motiven. Die Veranstalter wollten sie selber immer wieder neu aus inhaltlichen Gründen. Nicht unwichtig ist auch, dass niemand ‚hereinredet‘ in die Gestaltung dieser Arbeit. Es gibt keine institutionellen Gremien, die entscheiden. Es ist etwas anderes, ob man als Referent zu einem Vortrag oder für ein Seminar eingeladen wird, oder ob man selbst Menschen zur Teilnahme einlädt – quasi in die eigene Forschungsstelle, um an der Entwicklung der Arbeit teilzunehmen. Man muss keine Kompromisse eingehen. Man kann vor Menschen, die man gut kennt, und die schon einige Vorerfahrungen haben Neues aussprechen und die Resonanz des Sprechens und Hörens vertieft die eigene geistige Forschung. Das Haus, die gesamte Organisation, die Stimmung, alles dient der gemeinsamen Arbeit. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser radikalen Orientierung auf die geistige Arbeit, sind es im wahrsten Sinne des Wortes ‚Feiertage‘, die man in Eichwalde verbringt. Ein solcher gastgebender Haushalt gibt auch der geistigen Forschung ein ganz anderes Lebensmilieu. Möglicherweise hat diese Wirklichkeit auch die Entstehung verbindlicher und konkreter Bezüge zwischen bestimmten Menschen ermöglicht und befördert, insbesondere ist der ‚Forschungskreis Therapiefragen‘ zu nennen, der auch seit vielen Jahren in Eichwalde tagt.  Es haben sich aus diesem ‚Forschungskreis‘ vielfältige therapeutische Kooperationen und Arbeitszusammenhänge gebildet, die bei vielen Einzel-Anfragen von Menschen weiterhelfen konnten, aber auch die Zusammenarbeit in Veranstaltungen ermöglichten. Die Beziehungen vieler Teilnehmer haben sich im Laufe der Jahre deutlich vertieft und individualisiert, ohne dass ein übertriebenes Gruppengefühl entstanden ist. Das sieht man auch daran, dass immer wieder neue Teilnehmer dazu kommen können. So dass die zehnjährige Arbeit der Forschungsstelle in Eichwalde heute die geistig und menschlich vertieften Beziehungen mit geschaffen hat, die für eine weitere Entwicklung der einzelnen Menschen und der Arbeit Voraussetzung sind. Zehn Jahre intensiver Arbeit sind Anlass genug Wolf-Ulrich Klünker und Monika Elbert auch einmal öffentlich zu danken. In der Rückschau wird deutlich: Eichwalde ist tatsächlich der Anfang einer Zukunftswissenschaft des Menschen und der Anfang seiner Verwirklichung geworden!

Roland Wiese, Horstedt

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Keine Inspiration ohne Depression

Zur geisteswissenschaftlichen Bedeutung der persönlichen Schwelle

Aus: Johannes Reiner (Hrsg.): in der nacht sind wir zwei menschen. Arbeitseinblicke in die
anthroposophische Psychotherapie. Stuttgart, Verlag Freies Geistesleben, 2012

Wolf-Ulrich Klünker

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts, insbesondere in seinem letzten Drittel,  hat sich eine meist unbemerkte Veränderung vollzogen: die menschlichen Empfindungen sind andere geworden; sie haben eine größere Ich-Nähe entwickelt. Man kann heute den Begriff der Bewusstseinsseele auch unter dem Aspekt betrachten, dass sich die Wirklichkeit des Ich immer stärker in Empfindung und Gefühl ausprägt. Es lassen sich dabei zwei Gefühlsschichten differenzieren, die Empfindung vor dem Denken und die Empfindung nach bzw. hinter dem Denken.[1] Die Empfindung hinter dem Denken ist zunächst  meist unscheinbar, filigran, nicht spektakulär. Sie drängt sich nicht auf, muss bemerkt werden, um nicht wieder zu verschwinden.

Das Denken deutet nicht mehr das Gefühl, sondern eher umgekehrt: in der Empfindung erscheint eine Resonanz meines früheren Denkens. Dieses Denken geht dem Gefühl meist nicht unmittelbar voran; es ist biografisch, oder etwa auch in der Beziehung zu einem Menschen oder einer Sache einfach vorlaufend. Die Resonanz des Gefühls auf das Denken ist meist nicht vom Denkinhalt her bestimmt, sondern von der Kraft des Ich im Denken. Ein Denkzusammenhang oder eine Erkenntnisfrage finden zunehmend erst im Nachhinein, also nach einer Zwischenzeit eine Lösung in einer Empfindung, die mit dem alten Begriff als Wahrheitsgefühl bezeichnet werden kann. Im Verhältnis zum Gefühl wirkt das Denken „sinnvoll“ immer weniger analytisch oder deskriptiv, sondern eher proskriptiv oder wegbahnend.

Empfindung als geistiges Selbst

Ein solches Verständnis von Empfindung und Gefühl ist in gewisser Weise postpsychoanalytisch und, bezogen auf die Zeit Rudolf Steiners, auch in einer bestimmten Perspektive vielleicht auch postanthroposophisch. Auf jeden Fall handelt es sich um ein postmoralisches Gefühlserleben, denn die Empfindung tritt als Wirkung einer geistigen Kraft des Ich auf und muss deshalb nicht mehr aus der geistigen Ich-Kraft heraus modifiziert, individualisiert oder „veredelt“ werden. Hundert Jahre nach der Begründung der Anthroposophie zeigt sich so eine neue Dimension von Geistselbst, gleichsam in michaelischer Konsequenz der Denkentwicklung: eine indirekte substanzbildende Wirkung des Denkens wirkt im Ich gefühlsschaffend. Der frühere Begriff des Geistselbst ging demgegenüber davon aus, dass das Ich durch geistige Kraft die mitgebrachte Gefühlsorganisation (Astralleib) verwandelt.

Hier soll nicht erörtert werden, wie unter einer solchen Voraussetzung der ich-nahen Gefühlsbildung als neuer Stufe der Bewusstseinsseele noch sinnvoll von  Psychotherapie die Rede sein kann. Auf jeden Fall erscheint eine neue Menschenkunde seelischer Wirklichkeit notwendig, die auch den früheren Widerspruch von existentiell und prinzipiell („geistig“) überwindet. Diese neue „Psychologie“ dürfte weder existentiell im alten Gefühl, noch geistig (theoretisch) im alten Denken stecken bleiben. Es ginge auch nicht um eine Verbindung existentiellen Gefühls- und Schwellenerlebens mit einer geistigen Perspektive. Vielmehr wären die existentielle, ich-bildende Schicht des Denkens und die geistige Implikation des Gefühls hinter dem Denken begrifflich-menschlich und menschlich-begrifflich zu fassen. Eine therapeutische Wirkung würde dann in der befreienden Kraft der Gefühlsschicht hinter dem Denken bestehen, die die bedrängenden Schichten des passiv erlebten alten Gefühls existentiell aufhebt oder zumindest relativiert.

Die Empfindung hinter oder nach dem Denken verwandelt alle Beziehungen. Selbst sogenannte Fakten der Vergangenheit, die biografisch gegeben erscheinen, werden im Erleben anders. Aber „Erleben“ meint hier nicht nur eine subjektive Empfindung oder die Deutung des Vergangenen, sondern seine menschliche Wirklichkeit. Denn diese Empfindungsschicht ist subjektiv und objektiv zugleich; beispielsweise kann die eigene Kindheit und die Beziehung zu ihr zunächst gleichsam als nur vorindividualisiert gelten, bis sich die Empfindung hinter dem Denken damit verbinden kann. Dann erst vollzieht sich eine Art karmisch-biografischer Individualisierung dessen, was vorher lediglich aus der Vergangenheit angelegt war. Biografie und frühere Erlebnisse, Beziehungen zu anderen Menschen und etwa auch zur Natur erhalten erst jetzt die ihnen „eigentlich“ zukommende individuelle Signatur.

Geistige Selbstaktivierung

Weil das Ich in der Empfindung hinter dem Denken substantiell wirksam ist, kommen die „Objekte“ erst in diesem Augenblick zu sich selbst. Vorher ist letztlich kein Urteil etwa über die eigene Kindheit oder über eine Freundschaft möglich; denn es handelt sich hier weder um ein neues subjektives Erleben noch um eine neue Deutung, sondern um die Wirklichkeitsschicht, in der sich das vorindividuell Angelegte erst einlöst oder erlöst. Die zentrale therapeutische Frage wäre dann, wie das Ich für diese Schicht aufwachen kann. Therapie besteht dann nicht mehr darin, Ursachen für gegenwärtiges Erleben in der Vergangenheit zu suchen. Die Vergangenheit hat durch die angedeutete Entwicklung des Ich in der Bewusstseinsseele eine völlig andere Konsistenz erhalten. Sie wird in ihrer substantiellen und in ihrer zu erlebenden Wirklichkeit zunehmend  von der zukunftsgerichteten geistig selbstaktivierenden Kraft des Ich abhängig.

Geistige Selbstaktivierung ist unter diesen Voraussetzungen nicht mehr auf sogenannte „höhere“ Erkenntnisse bezogen, sondern sie folgt dem Prinzip: Ich werde mich, den anderen Menschen und die Gegenstände der Welt so in meinem Lebensgefühl empfinden, wie ich es jetzt als Beziehung zum Denken vorbereite. Eine solche Beziehung zum Geist und zum Denken ist nicht abstrakt; sie holt die Empfindungszukunft in die Gegenwart des eigenständigen Denkens hinein. Beziehung auf die Zukunft meint dann nicht mehr eine vorstellungshafte Vorwegnahme des Zukünftigen. Die Zukunft wird vielmehr in der denkenden Selbstverantwortung in die Gegenwart hinein genommen – und erst dadurch entsteht eine reale Beziehung zur Vergangenheit. Genauer formuliert: erst dadurch entsteht heute wirkliche Vergangenheit. Denn durch die Zukunftsbeziehung im Denken schließen sich nun Zukunft und Vergangenheit (letztere als meine Voraussetzung, aus der ich komme) wirklich zusammen; und an diesem Berührungspunkt entsteht individuell erfüllte Gegenwart. Ohne die angedeutete Zukunftsbeziehung steht das Erleben von Gegenwart und die Gegenwart selbst zunehmend in der Gefahr, als prolongierte Vergangenheit missverstanden zu werden – und sich auch als sich fortsetzende Vergangenheit falsch zu konsolidieren.

Substantielle Individualisierung der Welt

Es ist klar, dass diese Beziehung des Ich zum Denken nicht eine inhaltliche Bezugnahme auf die Zukunft meint. Der Bezug auf die Zukunft ergibt sich daraus, dass eine solche Ich-Beziehung nach und nach ein neues Selbstgefühl schafft und dass das Vertrauen darauf und die Erfahrung dieses Zusammenhangs in jedem Moment die eigene Zukunft in die Gegenwart hereinholt und damit wirksam macht. Entscheidend ist aber: durch diesen Vorgang nimmt auf eine fast magische Weise die Vergangenheit erst ihre eigentliche, d. h. individuelle Gestalt an. Vorher war sie, wie oben dargestellt, lediglich gleichsam vorindividualisiert (obwohl sie als individuelle Biografie bzw. als individueller Weltbezug auftritt). Die neue Beziehung zur Zukunft verändert die eigene biografische Situation unter Umständen vollständig. Mit der Veränderung des mitgebrachten Selbstgefühls verschwinden alte Probleme und Erlebnisweisen, ohne dass sie im herkömmlichen Sinne „gelöst“ werden. Nicht die „Problemlösung“, nicht die „Aufarbeitung“ von Erlebtem führt dann in erster Linie weiter; eher lässt das veränderte, jetzt aus der Zukunft sich speisende Selbstgefühl die Bedeutung der alten Erlebnisse und Erfahrungen zurücktreten – sie sind dann nicht gelöst, aber zunehmend unwichtig. Das nun wirklich sich individualisierende Selbstgefühl transzendiert das mitgebrachte und in der Vergangenheit gebildete Selbsterleben und nimmt ihm gleichsam seine „Existentialität“. Gleichwohl bleibt das Selbstgefühl der Vergangenheit als eine Art Grundlage oder Voraussetzung erhalten; aber es zwingt nun nicht mehr, nötigt keine in Passivität empfundenen Erlebnisstrukturen und Inhalte mehr auf. Die Vergangenheit, die Objekte der Welt, die Menschen haben damit eine Metamorphose durchgemacht; sie sind erst jetzt in ihrer Realität angekommen.

Die neue Erlebnissituation wirkt eben nicht nur „subjektiv“. Hegel hat in seiner „Enzyklopädie“ eindrucksvoll darauf hingewiesen, dass das Selbstgefühl zugleich Anfang und Ergebnis aller anderen Gefühle und Empfindungen ist.[2] Damit gehen auch alle Beziehungen zu Gegenständen und Menschen letztlich vom Selbstgefühl aus – und wirken ihrerseits auf das Selbstgefühl zurück. Fast paradox kann man formulieren, dass das Selbstgefühl des Ich nicht egoistisch ist. Im Unterschied zum rein seelischen Selbstgefühl bleibt es nicht bei sich selbst stehen; es weist über sich hinaus und entwickelt sich nach Maßgabe seiner Beziehungen zu anderem. Dadurch ergibt sich eine völlig neue Relation von innen und außen, von subjektiv und objektiv. Auf den alten „Egoismus“ bezogene moralische Maßstäbe müssen im Hinblick auf das Selbstgefühl des Ich revidiert werden. Das gilt auch für eine Art Restdualismus in der überkommenen Anthroposophie und in anderen esoterischen Strömungen. Ernsthaft muss die Frage gestellt werden, ob ethische Maximen in Richtung von Selbstüberwindung und „Erhöhung“ des Selbst noch Geltung besitzen können. Schon aus dem mittelalterlichen Christentum wird die Aussage überliefert, der Mensch habe sich darum zu kümmern, dass es ihm gut gehe, denn nur wenn es ihm selbst gut gehe, könne er auch Gott wohlgefällige Werke vollbringen.

In diesem Sinne ist neben moralische Entwicklung und Kategorien wie Erkenntnishöhe heute im Leben und in der Therapie das Ideal der Lebensvertiefung zu stellen. Thomas von Aquin spricht im 13. Jahrhundert im Anschluss an die „Physik“ des Aristoteles von der allgemeinen Weltentatsache, dass es nichts Wahrgenommenes ohne Wahrnehmenden geben kann; zwar wird nicht alles Wahrnehmbares immer und überall wahrgenommen, aber prinzipiell existiert ohne wahrnehmenden Menschen keine wahrzunehmende Welt.[3] Ähnliches gilt heute für das Erleben des Ich im Verhältnis zu einer zu erlebenden Wirklichkeit: beide Seiten können nicht gegeneinander isoliert werden. Es führt in eine allgemeine Abstraktion und Isolation des Ich, zu einer Trennung von Welt und  Mensch, wenn andauernd eine „Wirklichkeit an sich“ (auch der Seele!) unterstellt wird. Die Welt braucht das Erleben des Menschen nicht nur, um zu erscheinen – nur wenn sie erscheint und erlebt wird, ist sie wirklich. Das Erleben und Empfinden kann allein für abstrakte Reflexion als rein subjektiv gelten, und auch eine Wirklichkeit an sich ist reine Abstraktion. Vielmehr gilt: nur ein stabiles, sich entwickelndes Selbstgefühl kann sich der Welt und dem anderen Menschen öffnen, und dadurch „werden“ letztere erst;  dieses empfindende Interesse baut mit der Welt auch das eigene Selbstgefühl auf.

Mit Perspektive auf das Ich kann ein egoistisches Selbstgefühl heute als psychologisches Konstrukt oder als Relikt der Vergangenheit gelten. Das Ich ist in der ätherischen Wirklichkeit angekommen: sie besteht in der subjektiv-objektiven Einheit im Ich, in der Empfindung hinter dem Denken, in der sich Welt und Mensch in jedem Moment konstituieren. Hier kann heute ein lebensbezogenes Verständnis des „Ätherischen“ ansetzen. Es ist diejenige Sphäre im Erleben des Ich und damit in der Wirklichkeit, in der Subjekt und Objekt, Bewusstsein und Sein nicht mehr gegeneinander zu isolieren sind. „Ätherisch“ heißt auf dieser Stufe der Ich-Entwicklung: das Ich existiert sensibel im Lebensprozess, und der Lebensprozess wird immer mehr von der sensiblen Begleitung durch das Ich abhängig.

Existentielle und prinzipielle Grenze der Ich-Entwicklung

Die Ich-Individualität muss zivilisatorisch, zeitgeschichtlich und persönlich eine Grenze erreichen und überwinden, um die angedeutete neue Existenzform im nichtegoistischen Selbstgefühl, das die Welt einschließt, ausbilden zu können. Individuell wie kulturell muss ein Durchgang durch den Nullpunkt stattfinden. Der Nullpunkt muss als reale Gefährdung der eigenen Existenz gegeben sein und als solcher auch in einem existentiellen Selbsterleben bewusst werden. Das 20. Jahrhundert hat mit seinen zivilisatorisch-geschichtlichen Zuspitzungen und seinen Höhe- wie Endpunkten der Individualisierung diesen Nullpunkt erreicht. Einerseits war das Ich nie zuvor so unabhängig von Herkunft und früheren Lebensentscheidungen; nie zuvor war eine solche finanzielle, berufliche, soziale Autonomie gegeben. Andererseits sah sich das Ich des 20. Jahrhunderts in bisher nicht gekanntem Ausmaß mit realen Todessituationen und innerer Isolation, Depression und Fremdheit (auch sich selbst gegenüber)  konfrontiert. Menschenkundlich betrachtet kann man hier von einem Durchgang des Ich durch den abstrakten Willen und das abstrakte Denken sprechen; in beiden wird eine zunächst unüberwindbare Aussichtslosigkeit erlebt.

In geisteswissenschaftlicher Perspektive zeigt sich damit eine gewisse Spitze der Ich-Entwicklung, in der das Ich, spätestens seit Beginn der Neuzeit, auch persönlich mit dem Denken und Willen schicksalhaft verbunden ist. Das Ich stützt sich in seine Verlorenheit und Aussichtslosigkeit letztlich nur auf das eigene Denken bzw. die Urteilsbildung und auf den eigenen Willen. Wenn die familiale, konstitutionelle, leibliche, ja selbst die seelische Lebensgrundlage gefährdet oder weggefallen ist; wenn sogar das früher selbstverständlich mitgebrachte und fast als „gegeben“ erscheinende Selbstgefühl wegbricht, kann sich das Ich nur noch in einem Denken auf sich selbst beziehen, das ihm erhalten bleibt, das es autonom handhaben kann, auch wenn es nicht als besonders tragfähig und wirkungsvoll eingeschätzt wird. Dieses Denken wird als abstrakt erlebt, und es ist auch abstrakt; aber es bildet doch in einer Art Hintergrundschicht eine neue Selbstbeziehung des Ich und ein neues Selbstgefühl aus.

Der Wille, der mit diesem Denken verbunden ist, kann ebenfalls als abstrakt bezeichnet werden: durchhalten und überleben zu wollen, kann oft angesichts der eigenen inneren und der äußeren Lage nur als abstrakter Wille wirken, weil das Willensziel und die tragfähige Gefühlsgrundlage des Willens fehlt. Aber das Ich gibt nicht auf, auch in einer äußerst problematischen inneren Lage (Selbstgefühl) und ohne den Ausweg und eine Lösung zu kennen. Die Intention bleibt auch ohne konkret zu erlebendes Ziel und ohne tragfähige Verankerung im inneren Selbstbezug bestehen. Hält das Ich eine solche Lage eine längere Zeit aus, so kann sich im Hintergrund eine neue Lebenswirklichkeit abzeichnen und ausbilden, ähnlich wie im Hintergrund der eigenen Beziehung zum abstrakten Denken eine neue Selbstbeziehung entstehen kann. Es ist letztlich auch eine enorme (abstrakte) Willenskraft, durch die das Ich mit dem Denken verbunden bleibt und sich in ihm erhält, obwohl es ihm nicht viel zutraut und sich selbst auch zunächst kaum darin erlebt. In diesem Zusammenhang von Ich und Denken zeigt sich die schicksalhafte Entwicklungsbeziehung von Intellektualität und Individualität.[4]

Individualität als geistige Substanz des Ich meint die tendenzielle Einheit von Bewusstsein und Sein. Das Ich weiß von sich, und zwar nicht nur illusionär. Darüber hinaus ist das Wissen seiner selbst nicht nur ein Abbild des Seins, sondern das Sein selbst. Was ich von mir weiß, werde ich auch. Insofern ist das Selbstbewusstsein nicht nur introspektiv oder retrospektiv – substantiell wird es, wenn es mich prospektiv ins Sein bringt. Schließlich gehört zum denkenden Selbstbewusstsein des Ich, dass das Ich auch nach schwellenhaften Übergängen in der Lage ist, unter völlig anderen Bedingungen und in völlig anderem Selbst- und Wirklichkeitserleben an das vorangegangene Selbstbewusstsein anzuknüpfen: sich zu identifizieren bzw. zu reidentifizieren. Diese Fähigkeit wird insbesondere für die Verbindung der eigenen irdischen mit der nachtodlichen Existenz und, perspektivisch darüber hinaus geblickt, auch für ein mögliches Bewusstsein des Zusammenhangs verschiedener Erdenleben bedeutsam. – Diese Charakterisierungen beschreiben annäherungsweise das Verhältnis von Individualität und Intellektualität. In solchen Beschreibungen kann ahnungsweise deutlich werden, was der Begriff „Denken“ eigentlich meint: die Fähigkeit, mit der das Ich sich unabhängig von wechselnden seelischen und leiblichen Zuständen und unabhängig von sich verändernden Umgebungsbedingungen selbst erkennt und damit entwickelt.

Durchgang durch den lemniskatischen Nullpunkt

Zu dieser Ich-Entwicklung gehört heute auch, an den Grenzen des Verlustes mitgebrachter und früher selbstverständlicher Identität im Selbstgefühl sich neu zu finden und damit erfinden zu können. Diese geistig selbstkonstitutionelle Fähigkeit des Ich darf  als die therapeutische Dimension der Geisteswissenschaft verstanden werden. Damit gewinnen verschiedene Begriffe, die in der älteren Anthroposophie ihre Stellung in Schulungsweg und höherer Erkenntnis hatten, eine neue Bedeutung im Leben. Frühere Geisteswissenschaft, ihre Inhalte und Erkenntnisformen können als Vorläufer dieser impliziten geistigen Entwicklungskraft des Ich im Leben gelten. Mit anderen Worten: Anthroposophie hat in der Gegenwart, hundert Jahre nach ihrer Begründung, Lebensfolgen auch dort, wo Anthroposophie gar nicht inhaltlich oder begrifflich erscheint. Es soll hier nicht die Frage erörtert werden, wo sich die „eigentliche“ Anthroposophie der Gegenwart auffinden lässt – ob in den Formen und Begriffen, in denen sie leicht identifiziert werden kann, oder in den Lebenssituationen des Ich, die gar nicht „anthroposophisch“ auftreten, die also erst in ihrer geisteswissenschaftlichen Tiefendimension reidentifiziert werden müssen.

Aus dieser Perspektive ergeben sich neue Verständnisansätze für Imagination, Inspiration und Intuition als Begriffen des früheren Schulungsweges. Als Imagination kann  die Fähigkeit des Ich gelten, in einer Situation der Leere, des Verlustes des Mitgebrachten und der Isolation, gleichsam aus dem Nichts ein neues Lebensinteresse zu erschaffen. Intuition wäre dann die Willenskraft, realitätsfähige Imaginationen aus dem Leben heraus von anderen zu unterscheiden und in Konsequenz und Kontinuität nicht nur umzusetzen, sondern auch ständig weiter zu entwickeln. Inspiration tritt in der Konfrontation mit dem doppelten Nichts auf: an der Grenze des Bemerkens, dass sowohl die vergangene eigene Existenz, als aber auch der größere Teil gegenwärtiger Erlebnisse und Vorstellungen nichtig sind. Jetzt können „Eingebungen“ auftreten, die sich logisch oder psychologisch nicht aus Vergangenem ableiten lassen, aber einen nächsten Schritt in die Zukunft enthalten; einen nächsten kleinen Schritt, nicht den übernächsten. Denn wenn der nächste kleine inspirierte Schritt gegangen wird, stellt sich eine andere Situation und ein anderes Selbstgefühl ein, die nicht vorweggenommen werden können, bevor dieser erste kleine Schritt vollzogen wurde. Es entsteht also eine gewisse Handlungs- und Erlebnisempirie in einem solchen biografischen, seelischen und zwischenmenschlichen Vorgehens: die realen, wenn vielleicht auch zunächst unscheinbaren inneren und äußeren Folgen des nächsten Schrittes abzuwarten, bevor der übernächste erfolgt.

Dabei muss man sich vermutlich daran gewöhnen, dass Entschlüsse und Entscheidungen, die solchen Inspirationen entspringen, oftmals weder anderen noch sich selbst gegenüber begründbar sind. Zu den psychologischen, therapeutischen und allgemeinmenschlichen Lebenstugenden wird immer mehr gehören, keine Ableitungen oder Begründungen als Motivation zu benennen. In dem angedeuteten Sinne „inspirierte“ Intentionen und Entscheidungen sind einfach nicht begründbar, bis sich ihre Wirkungen in Beziehungen, in den Dingen und im eigenen Erleben zeigen. Damit kommen Sprache und innere Bewusstseinsentwicklung, Wort und Empfindung in ein ähnlich sensibles Verhältnis, wie früher das esoterische Schweigegebot zu den „okkulten“ Erkenntnisinhalten. Das Ich bildet eine subtile Beziehung zum Begriff und zum Wort aus; es spürt, dass eine konsequente Ich-Führung im Denken und Sprechen fast magische Wirkungen entfalten kann. Hier kann sich die alte Aussage „Im Anfang war das Wort“ für das Ich als individuelle lebensgestaltende Kraft zeigen; bekanntlich heißt es im Prolog des Johannes-Evangeliums weiter, dass nichts außerhalb dieses Wortes entstanden ist.

Kein Widerspruch zwischen Erkenntnishöhe und Lebenstiefe

Eine so verstandene Inspirationsschicht der Ich-Existenz hat eine Individualisierung und Lebensverwirklichung derjenigen geisteswissenschaftlichen Schichten zur Folge, die früher als „höhere“ Erkenntnisse gelten mussten. Sie waren auch damals nicht „höher“ im Hinblick auf ihre Inhaltsrelevanz, sondern eigentlich nur im Hinblick darauf, dass das Ich noch nicht die Individualisierungsstufe erreicht hatte, um sie im Leben einlösen zu können. Wenn das Ich mit dem Ende des 20. Jahrhunderts diese Individualisierungsebene erreicht hat, stellt sich auch die frühere Geisteswissenschaft einschließlich der Anthroposophie Rudolf Steiners in diesem neuen Licht dar. Man kann die Anthroposophie dann konsequenterweise nicht mehr durch Blick auf ihre Anfänge, sondern nur von ihren Lebensmöglichkeiten im Ich her verstehen – vielleicht sogar umfassend nur aus den Zukunftshorizonten, die sich daraus ergeben. Das Ich hat zu dieser gegenwärtigen und zukünftigen Lebensdimension der Geisteswissenschaft einen notwendigen menschlich-existentiellen Entwicklungsbeitrag geleistet: der Verlust des alten Lebenszusammenhangs und des mitgebrachten Selbstgefühls bildet zusammen mit dem bewussten Verzicht darauf die Grundlage der neuen Lebensschicht von Anthroposophie – ohne Depression keine Inspiration.

So ist die Geisteswissenschaft vom Aufruf zur geistigen Höherentwicklung zu einem Mittel der Lebensvertiefung geworden. Begriffe sind dann für das Ich nicht nur erkenntnisrelevant, sondern empfindungswirksam.[5] Allerdings muss das Ich vorher den lemniskatischen Durchgangspunkt, den Nullpunkt der Selbstabstraktion, der Isolation und Depression erlebt haben. Dann kann das eigene Verhältnis zum Denken, die eigenständige Begriffsbildung, zum Mittel der Konstitution eines neuen Selbstgefühls werden, das das Ich auch wieder mit der Welt verbindet. Das Alte muss vergehen, damit das Neue entstehen kann; das Mitgebrachte kann nur Grundlage des Neuen werden, wenn es überwunden ist. Wie ich mich selbst geistig greife, in einer Art existentieller geistiger Selbstaktivierung, wird zum neuen Lebensgefühl des Ich. Es entsteht die merkwürdige Existenzsituation, in der das Schwächste auch das Stärkste, die Stärke zugleich die Schwäche ist. Das Ich beginnt zu bemerken, dass ein realistisches Selbstgefühl und eine entsprechende Lebensorientierung dort beginnt, wo sich die eigenen Peinlichkeiten, in einer Art von Selbstgeständnis festgestellt, und die eigenen geistige Gipfel nicht mehr widersprechen können. Die Linien der Lemniskate sind konvex oder konkav in Abhängigkeit davon, ob man sie von innen oder von außen betrachtet; sie sind konkav und konvex zugleich.

Hegel spricht in seiner „Phänomenologie des Geistes“ davon, dass für die Individualität aus dem Schmerz und dem Erleben der „eigenen Nichtigkeit“ eine wirkliche „Erhebung“ zum „Unwandelbaren“ erfolgen könne. Im Ich wird durch das Bewusstsein des Schmerzes der Geist irdisch real und das Irdische geistfähig: ein “Hervortreten der Einzelheit am Unwandelbaren und des Unwandelbaren an der Einzelheit“.[6] Rudolf Steiner musste vor etwa hundert Jahren, der damaligen Entwicklungssituation der Individualität entsprechend, die Anthroposophie noch neben und gegen die gleichzeitig entstehende Psychoanalyse stellen. Obwohl er selbst schicksalhaft mit der Ausbildung der Psychoanalyse verbunden war, konnten geistiger Begriff und existentieller Selbstbezug noch nicht unmittelbar zusammen kommen. Als Hauslehrer der Familie Specht kannte Rudolf Steiner Joseph Breuer, den Mitbegründer der Psychoanalyse,  über Jahre persönlich. Zudem war Pauline Specht, die Mutter der von Steiner betreuten und therapierten Kinder, mit der er auch lange nach seiner Wiener Zeit noch freundschaftlich verbunden war, entschiedene Verfechterin des medizinischen und psychologischen „Materialismus“ Breuers und der Wiener Schule. Die Anthroposophie wäre geistesgeschichtlich, esoterisch und auch menschlich missverstanden, wenn man nach den Entwicklungstiefen, aber auch den Entwicklungsschritten des 20. Jahrhunderts diesen historischen Widerspruch noch beibehalten wollte.

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[1] Empfindung und Gefühl werden hier nicht definitionsartig und nicht im Sinne einer Systematik unterschieden.

[2] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, § 407: Die menschliche Individualität vollzieht den Prozess, aus dem umfassenden Selbstgefühl „sich in sich selbst zu unterscheiden und zum Urteil in sich zu erwachen, nach welchem sie besondere Gefühle hat … Das Subjekt als solches setzt dieselben als seine Gefühle in sich.“ Hier wird in kürzester Form der enge Zusammenhang von Selbstgefühl und Einzelgefühlen, Gefühlsbildung, Weltbezug und Urteilskraft (Denken) deutlich. Die Individualität bildet sich aktiv selbst durch Differenzierung ihrer Gefühle aus dem Selbstgefühl heraus und wird damit urteilsfähig. – Im nachfolgenden § 408, der auch psychische Erkrankung behandelt, spricht Hegel dann von der „Unmittelbarkeit“ des Selbstgefühls, in der „Leiblichkeit“ und „Geistigkeit“ ungetrennt sind.

[3] Thomas von Aquin: In octo libros Physicorum Aristotelis expositio, z.B. L. IV, l. XXIII. Hier wird letztlich auch deutlich, dass es ohne menschlichen „intellectus“, der das Früher und Später in Bewegung und Entwicklung differenziert, keine sich entwickelnde Wirklichkeit geben kann – Bewusstsein und Sein sind nicht zu trennen.

[4] Rudolf Steiner hat  in einer Art Inauguration einer zukunftsfähigen Menschenkunde anfänglich auf  dieses Verhältnis des Denkens zum Ich hingewiesen: vgl. beispielsweise den Aufsatz „Im Anbruch des Michael-Zeitalters“ (GA 26).

[5] In seinem „Votum zur Psychiatrie“ (GA ) hatte Rudolf Steiner bereits 1920 menschenkundliche Begriffe  gefordert, die nicht über das Leben gebildet werden, sondern im und somit als Leben. Heute, über 90 Jahre später,  befindet sich das Ich existentiell in der Lage, dass es diese Dimension des Denkens als Lebensschicht erreicht hat: Begriffsbildung nicht als Erklärung im Sinne eines „Überbaus“, sondern als Element des Lebens selbst. – 1924 legte Rudolf Steiner dann seinem „Heilpädagogischen Kurs“ (GA 317) das vorgeburtliche Verhältnis des Ich zum Denken zugrunde: das Ich schafft sich aus der exakten Denkkraft heraus den Organismus; an diesem spiegelt sich im Leben das Denken, so dass es zum „bloß“ gedachten Denkinhalt wird, während die Denkkraft des Ich als Lebens- und Entwicklungskraft im Organismus und in der Biografie weiter wirkt.

[6] Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Phänomenologie des Geistes, Kap. B IV „Selbstbewusstsein“, Abschnitt B „Das unglückliche Bewusstsein