Geistige Wesen im Sichtbaren – Zur Lochkamera-Fotografie Ramona Rehns
Eine Bildbetrachtung von Jana Rüb (Studentin der Alanus Hochschule), entstanden im Zusammenhang mit dem Blockseminar „Geistige Wesen im Denken und in der Kunst“, das Mitte Juni an der Alanus Hochschule stattfand.
Einleitung
Die besuchte Ausstellung zeigt fotografische Arbeiten von Ramona Rehn, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Alanus-Hochschule und an der anthroposophisch orientierten DELOS-Forschungsstelle für Psychologie tätig ist. Rehn arbeitet mit der Lochkamera, einem Apparat ohne Linse, bei dem das Licht durch eine winzige Öffnung auf analogen Rollfilm fällt. Weil dieses Loch kaum Licht durchlässt, muss vergleichsweise lange belichtet werden, oft mehrere Sekunden statt Bruchteilen davon. In dieser Zeitspanne schreiben sich Wind, Bewegung und Lichtwechsel unmittelbar in das Bild ein. Es entstehen keine scharfen Momentaufnahmen, sondern verwehte, ineinandergleitende Bildräume, die eher einen andauernden Vorgang festhalten als einen einzelnen Augenblick.
Diese technische Entscheidung ist zugleich eine künstlerische Haltung. Rehn geht es erklärtermaßen nicht um Abbildung von Wirklichkeit, sondern um eine eigene, im Bild selbst entstehende Wirklichkeit. Um das Sichtbarmachen dessen, was sich zwischen bloßer Naturerscheinung und empfindender Wahrnehmung ereignet. Für ein Seminar, das sich mit geistigen Wesen im Denken und in der Kunst befasst, ist genau das der interessante Ansatzpunkt. Rehns Bilder verweigern sich der Vorstellung, die Welt bestehe nur aus dem, was eine scharfe, punktgenaue Optik einfängt. Sie zeigen etwas, das man mit dem bloßen Sehen kaum trifft, mit dem Denken aber durchaus fassen kann.
Geistige Wesen und die Elemente
Innerhalb der anthroposophischen Naturbetrachtung, in deren Umfeld Rehns Arbeit entstanden ist, wird die Natur nicht nur als Ansammlung physischer Stoffe verstanden, sondern als Schauplatz wirkender Kräfte, die sich vier Elementen zuordnen lassen. Erde, Wasser, Luft und Feuer. Diesen Elementen werden traditionell von Paracelsus bis Rudolf Steiner Elementarwesen zugeordnet: Gnomen der Erde, Undinen dem Wasser, Sylphen der Luft und Salamander dem Feuer. Man muss diese Wesen nicht wörtlich als Figuren denken, um mit dem Begriff arbeiten zu können. Entscheidend ist der Gedanke, dass jedes Element eine eigene, dem menschlichen Ich wesensfremde, aber real wirksame Aktivität entfaltet: eine formende, eine auflösende, eine bewegende, eine verwandelnde. Das Denken kann diese Aktivität begrifflich unterscheiden. Die sinnliche Wahrnehmung allein zeigt uns aber immer nur das fertige Ergebnis, den Halm, den Rauch, die Flamme, nicht die Kraft, die sie hervorbringt. Genau an dieser Stelle wird Kunst und speziell die von Rehn gewählte fotografische Methode zu einem eigenständigen Erkenntnisweg. Weil die Lochkamera Bewegung nicht ausblendet, sondern über die Belichtungszeit ins Bild aufnimmt, zeigt sie nicht das Ding, sondern die Tätigkeit, die am Ding sichtbar wird: das Wehen, das Auflodern, das Sichauflösen. Damit rückt sie näher an das heran, was im Denken als „Elementarwesen“ bezeichnet wird, als es ein scharfes Foto je könnte. Zwei Bilder der Ausstellung eignen sich besonders gut, um das zu zeigen. Eine im Wind bewegte Getreideähre und ein offenes Feuer.

Das erste Bild zeigt einen Getreidehalm mit seiner Ähre, aufgenommen von schräg unten vor hellem Himmel. Die Gräser und Grannen sind nicht als klare Linien zu erkennen, sondern strahlenförmig auseinanderlaufende, gelblich-grüne Schlieren, die von der Mitte des Bildes ausgehend in alle Richtungen ausfächern. Der Wind, der den Halm bewegt hat, ist im Bild selbst gegenwärtig, nicht als Illustration von Wind, sondern als sein sichtbar gewordener Bewegungsverlauf. Man sieht keinen Halm, dem Wind zustößt, sondern eine Bewegung, die sich am Halm zeigt.
Bringt man dieses Bild mit dem Gedanken an luftgebundene Elementarwesen zusammen, wird deutlich, worin der eigentliche Erkenntnisgewinn der künstlerischen Form liegt. Sylphen gelten in der überlieferten Elementarlehre als Wesen, deren Tätigkeit sich nicht in einem Körper, sondern nur in Bewegung selbst ausdrückt. Sie sind bildlich gesprochen nichts anderes als der Wind, insofern er etwas bewirkt. Ein scharfes Foto der Ähre würde uns die Pflanze zeigen und den Wind allenfalls andeuten, etwa an leicht schräg stehenden Halmen. Die Lochkamera dagegen macht die Bewegung selbst zum Bildinhalt. Die Ähre wird zum Ausgangspunkt eines strahlenden Musters, das über sie hinausweist. Genau das entspricht dem Unterschied zwischen einem Denken, das nur mit fertigen, ruhenden Objekten rechnet, und einem Denken, das versucht, wirkende Kräfte selbst zu begreifen. Die Ähre im Bild ist gewissermaßen Anlass, nicht Gegenstand der Darstellung. Das eigentliche Bildereignis ist die Luftbewegung, die durch sie hindurchgeht. Auch die Farbgebung unterstützt diese Lesart. Das satte, fast leuchtende Gelbgrün wirkt weniger wie die Wiedergabe eines Naturstoffs als wie eine Art Eigenlicht, das aus der Bewegung selbst zu entstehen scheint. Damit nähert sich das Bild einer Vorstellung, die in der anthroposophischen Naturphilosophie zentral ist, dass das Lebendige, das ätherisch Wirkende in der Pflanze, sich dem direkten Sehen entzieht und nur indirekt etwa im Zusammenspiel von Licht, Zeit und Bewegung zur Erscheinung kommt. Die Kunst zeigt hier etwas, das der bloße Augenschein verdeckt, das Denken aber erschließen kann, wenn es bereit ist, Bewegung als eigenständige Wirklichkeit ernst zu nehmen.

Das zweite Bild zeigt ein offenes Feuer vor tiefdunklem, fast schwarzem Grund. Die Flammen erscheinen nicht als klar konturierte Zungen, sondern als aufwärtsziehende, ineinander verwischte Lichtströme, die nach oben hin heller und wolkiger werden, während der glühende Kern am unteren Bildrand in Rot- und Orangetönen liegt. Auch hier hat die lange Belichtungszeit dazu geführt, dass nicht ein Zustand des Feuers festgehalten wurde, sondern sein fortwährendes Auflodern, sein Verzehren und Emporsteigen.
Innerhalb der Elementarlehre wird dem Feuer der Salamander zugeordnet, ein Wesen, das anders als der Sylphe der Luft nicht bewegt, sondern verwandelt. Es verzehrt Stoffliches und setzt dabei Wärme und Licht frei. Das Bild trifft diesen Gedanken sehr genau, weil es das Feuer nicht als Objekt unter anderen zeigt, sondern als reinen Vorgang der Verwandlung. Die Grenze zwischen Flamme und Dunkelheit ist nirgends hart gezogen, das Feuer geht diffus in die Nacht über, so wie die Wärme selbst keine feste Gestalt hat, sondern sich ausbreitet und mitteilt. Wo das erste Bild die Bewegung des Windes zeigte, zeigt dieses die Wärme als sich selbst verzehrende und zugleich Licht schenkende Kraft.
Bemerkenswert ist, dass beide Bilder Ähre und Feuer auf denselben künstlerischen Kunstgriff zurückgreifen, ihn aber an entgegengesetzten Elementen durchspielen. Luft bewegt von außen, Feuer wandelt von innen. In der Zusammenschau wird deutlich, dass es Rehn nicht um ein einzelnes Motiv, sondern um ein wiederkehrendes Prinzip geht, die Sichtbarmachung von Elementarkräften, die dem gewöhnlichen, auf feste Gegenstände gerichteten Sehen entgehen. Das Feuerbild macht darüber hinaus deutlich, wie nahe sich hier Naturbeobachtung und ein fast andächtiger, meditativer Blick kommen. Die tiefe Dunkelheit rahmt die Flamme wie ein Kultbild, ohne dass irgendein religiöses Symbol explizit gezeigt würde. Die geistige Dimension entsteht allein aus der fotografischen Behandlung des Elements selbst.
Kunst als eigener Erkenntnisweg zum Geistigen
Die beiden besprochenen Bilder zeigen exemplarisch, wie ein künstlerisches Verfahren, hier die Lochkamera mit ihrer langen Belichtungszeit, etwas leisten kann, das dem begrifflichen Denken allein nicht ohne Weiteres zugänglich ist. Die unmittelbare Anschauung von wirkenden, nicht gegenständlichen Kräften. Während das Denken die Idee eines Luft oder eines Feuerwesens abstrakt entwickeln und in Begriffen wie Bewegung oder Verwandlung fassen kann, zeigt die Fotografie diese Kräfte in einem konkreten, sinnlich erfahrbaren Bild, ohne sie in ein illustratives Fabelwesen zu übersetzen. Gerade weil Rehn auf jede figürliche Darstellung eines Elementarwesens verzichtet und stattdessen die reine Bewegungsspur des Windes oder das Auflodern der Flamme zeigt, bleibt die Verbindung zum Denken über geistige Wesen offen und wird nicht durch ein plumpes Abbild verstellt. Das Bild liefert der Begriffsarbeit gewissermaßen ihr sinnliches Gegenstück, ohne sie zu ersetzen.
Damit steht die Ausstellung für eine bestimmte Antwort auf die Seminarfrage nach dem Verhältnis von Denken und Kunst im Umgang mit geistigen Wesen. Das Denken entwirft die Begriffe Elementarwesen, ätherische Kraft, Wärmewesen, mit denen sich Naturvorgänge deuten lassen. Die Kunst kann diese Begriffe nicht beweisen, aber sie kann ihnen eine Anschauung verschaffen, die dem gewöhnlichen Blick auf feste Objekte entgeht. In Rehns Lochkamera-Bildern begegnen sich beide Wege. Das begriffliche Wissen um die vier Elemente und ihre Wesen und die künstlerische, durch die Technik selbst erzwungene Öffnung des Blicks für Bewegung, Übergang und Verwandlung. So wird die Ausstellung zu einem Beispiel dafür, dass Kunst geistige Wesen nicht abbildet, sondern ihre Wirksamkeit sichtbar macht, als Wind, der durch eine Ähre geht, und als Feuer, das sich selbst verzehrt.

