GEGENSEITIGE VERWANDLUNG: MENSCH, ENGEL, NATUR.
Die Seminararbeit hat Annika Kallinich (Studentin an der Alanus Hochschule) im Rahmen der Lehrveranstaltung „Liebe und Beziehung“ verfasst, die Wolf-Ulrich Klünker und Ramona Rehn im Frühjahrssemester 2026 gehalten haben.
Einleitung
Diese Hausarbeit basiert auf dem Seminar „Liebe und Beziehung“, gehalten von Wolf-Ulrich Klünker an der Alanus Hochschule. Ausgangspunkt dieser Arbeit ist ein Textausschnitt von Johannes Scotus Eriugena, der zu Beginn des Seminars betrachtet wurde. Der vollständige Textauszug befindet sich im Anhang dieser Arbeit. In diesem Textausschnitt erläutert Eriugena die durch das reine Denken hergestellte Verbundenheit und Einheit zwischen Menschen und Engel.
Die Arbeit beginnt mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit diesem Textausschnitt. Dabei wird herausgearbeitet, was Eriugena unter „Denken“ versteht und welche Bedeutung Denken in Zusammenhang mit Beziehungen haben kann.
Im Anschluss daran wird versucht, diese Gedanken und Erkenntnisse in eigenen Erfahrungen nachzuvollziehen. Vor allem anhand der eigenen Beziehung zu meinem Garten. Dabei stellt sich auch die Frage, ob und in welcher Weise sich das bei Eriugena beschriebene Verständnis des Denkens auch auf die Beziehung zur Natur anwenden lässt.
Johannes Scotus Eriugena über das Denken
Der Textausschnitt, auf welchen im folgenden Teil eingegangen wird, ist von Johannes Scotus Eriugena, aus dem Buch: „, Engel und Mensch“, S.151-153, veröffentlicht von Wolf-Ulrich-Klünker. Der Text stammt aus dem neunten Jahrhundert. In dem folgenden Versuch aus diesem Ausschnitt herauszuarbeiten welche Bedeutung das Denken hat, wird die von Wolf-Ulrich-Klünker vorgeschlagene Lesart aufgegriffen, den „Geist“ auch im Sinne von „Denken“ zu verstehen.
Der Text ist in Form eines Gesprächs zwischen Lehrer und Schüler geschrieben. In dem Textausschnitt spricht der Lehrer zum Schüler. Thema des Gesprächs ist, wie durch das reine Denken eine Verbindung und Einheit zwischen dem Mensch und dem Engel hergestellt werden kann.
Mit dieser Verbindung zwischen Mensch und Engel ist keine oberflächliche Verbindung gemeint. Es geht hier um eine tiefe, geistige nicht physische Verbindung, die sich auf das „Wesen“, also den inneren Kern des jeweiligen, bezieht und auswirkt. Das Denken oder hier bezeichnet als Geist, geht demnach über die körperliche Ebene hinaus, bis hin zur Verbindung mit nichtkörperlichen, geistigen Wesen wie dem Engel.
Die Einheit von Menschen und Engel muss aktiv wiederhergestellt werden, da sie nach Eriugena, durch die Sünde des ersten Menschen aufgelöst wurde. Vor dieser bestand zwischen Menschen und Engel bereits eine Gemeinschaft, die dazu führte das beide Wesen Eins waren. Durch das Denken können der Mensch und der Engel, jedoch wieder zu einer Einheit finden.
Der Bezug zum Sündenfall zeigt auch, dass Eriugenas Gedanken einen religiösen Hintergrund haben. Dieser steht in meine Arbeit jedoch nicht im Mittelpunkt. Es geht um die Frage, wie das Denken zu einer Verbindung zwischen Mensch und Engel, beziehungsweise anderen Menschen, führt und welche Kraft und Wirkung im Denken liegen kann.
Der Textabschnitt beginnt mit einem Denkanstoß des Lehrers für den Schüler:
Lehrer: Wenn du die wechselseitige Verbindung und Einheit der geistigen und vernünftigen Naturen aufmerksam betrachtest, so wirst du in der Tat finden, dass sowohl das Wesen des Engels in dem menschlichen Wesen, als das menschliche in dem des Engels gegründet ist. In jedem entsteht nämlich, was der reine Geist auf das Vollkommenste erkennt, und wird Eines mit ihm.
Interessant ist dabei, dass der Lehrer den Schüler auffordert, die Verbindung und Einheit von Mensch und Engel aufmerksam zu betrachten. Dieses „aufmerksame Betrachten“ der Verbindung und Einheit der „geistigen“ und „vernünftigen“ Naturen, also von Mensch und Engel, kann bereits als ein Beispiel und eine Demonstration für das reine Denken gedeutet werden. Der Schüler wird durch den Lehrer auf die wechselseitige Verbindung und Einheit von Mensch und Engel aufmerksam gemacht. Indem der Schüler dadurch versucht, diese wechselseitige Verbindung und Einheit zu erkennen und zu verstehen, stellt er sie quasi selbst her.
Denken ist demnach für Eriugena nicht einfach nur ein Aufnehmen von Informationen, sondern ein aktiver Vorgang des Verstehens, wodurch man Eins wird mit dem, was der „reine Geist“, also das reine Denken erkennt. Das was man denkt, entsteht in einem. Somit hat Denken eine schöpferische Kraft.
Im weiteren Verlauf des Textes wird das noch einmal wiederholt und vertieft:
Denn der Engel entsteht im Menschen durch den Geist des Engels, der im Menschen ist, und der Mensch entsteht im Engel durch den im Engel gegründeten Geist des Menschen. Wer nämlich, wie ich sagte, das reine Denken vollzieht, wird in dem, was er denkt. Die geistige und vernünftige Engelnatur ist also in der geistigen und vernünftigen menschlichen Natur ebenso geworden wie die menschliche in der des Engels durch gegenseitige Erkenntnis, in der der Mensch den Engel und der Engel den Menschen denkt.
Hier wird auf die gegenseitige schöpferische Kraft des Denkens eingegangen, der Engel ist zwar gegründet im Menschen und andersherum, kann aber nicht entstehen wen der Mensch ihn nicht im reinen Denken erkennt und umgekehrt. Es entsteht also nicht nur der Engel durch das Denken, sondern auch der Denkende selbst entsteht in dem, was er denkt, also in diesem Fall im Engel. Nur durch das jeweilige denken des anderen, kann diese geistige Einheit entstehen. Das heißt auch, dass was man im Denken erkennt, beeinflusst gleichzeitig auch den Denkenden.
Denken im Gespräch, Denken im Schreiben
Um das reine Denken noch einmal verständlicher zu machen, zieht Eriugena das persönliche Gespräch als ein alltägliches, menschliches Beispiel heran. Dabei beschreibt er, dass wir uns auch im Gespräch gegenseitig ineinander hervorbringen, indem wir denken.
Eriugena beschreibt das reine Denken im Gespräch als ein „Nachvollziehen“ dessen, was der andere denkt. Mit „Nachvollziehen“ ist gemeint, dass man sich auf den Gedanken des Anderen einlässt, ihn selbst gedanklich aufgreift und versucht, ihn zu verstehen. Im Gespräch tauscht man das aus, was innerlich in einem vorgeht. Wenn ich zum Beispiel einen Gedanken äußere, wird das, was dabei innerlich in mir entsteht, vom Gegenüber aufgenommen und nachvollzogen. Indem das Gegenüber meinen Gedanken denkt und weiterführt, wird wiederum etwas von ihm in mir hervorgebracht.
Eriugena schreibt weiter: „(…) aus beiden Geisteswesen wird Eines, welches aus dem, was wir beide lauter und unverweilt denken, gebildet ist.“ Mit „lauter und unverweilt“ ist gemeint, dass das Denken rein, also frei von Einflüssen geschehen muss und direkt also in dem Bezug auf das Gedachte passiert.
Bei diesem Beispiel fiel mir auf, dass Eriugena das Denken in dem Text nicht nur theoretisch beschreibt, sondern es in dem Lehrer-Schüler-Gespräch selbst demonstriert.
Denken kann demnach auch im Lesen aufgeschriebener Gedanken stattfinden. Indem ich als lesende Person versuche, den Gedanken, in diesem Fall den Gedanken des Lehrers nachzuvollziehen ,und ihn zu verstehen, mache ich im selben Moment das, was Eriugena als Denken versteht. Wenn ich mich mit dem Text auseinandersetze und versuche, die Gedanken und Zusammenhänge nachzuvollziehen, denke ich.
Das Gespräch und das Schreiben sind Mittel, in denen das Denken zwischen Menschen stattfinden kann. Das eigentliche Denken vollzieht sich nicht im bloßen Sprechen oder Lesen, sondern in dem aktiven Nachvollziehen und reinen Weiterführen des Gedankens.
Wer das reine Denken vollzieht, wird in dem, was er denkt. (Zwischenfazit)
Obwohl der Text aus dem 9 Jh. Stammt, lassen sich Eriugenas Ideen auf heutige Beziehungen übertragen. Denken ist nach Eriugena ein aktiver Vorgang, in dem der Mensch sich durch Beziehungen und das gegenseitige Nachvollziehen selbst hervorbringen kann.
Das Ich ist also nicht einfach unabhängig von seinen Beziehungen, sondern entwickelt sich in den Beziehungen, in denen Menschen sich gegenseitig denkend nachvollziehen. Beziehungen können dadurch auch als eine Voraussetzung für das eigene Werden verstanden werden. Der Mensch entsteht nicht nur isoliert in sich selbst, sondern in der Verbindung mit anderen Menschen und dem geistigen Austausch.
Was man nicht erkennt und worauf man nicht aufmerksam wird, kann auch nicht in einem entstehen und man selbst auch nicht darin. Wenn man sich mit einer Sache überhaupt nicht auseinandersetzt baut man keine Verbindung zu ihr auf.
Denken im Garten
Basierend auf den zuvor gesammelten Erkenntnissen, fragte ich mich, wie ich diese mit mir selbst und meinen eigenen alltäglichen Erfahrungen in Verbindung bringen kann. Wo in meinem eigenen Leben, werde ich durch meine Beziehungen selbst hervorgebracht?
Dabei fiel mir zunächst die Beziehung zu meiner Oma ein. Meine Oma hatte immer ein großes Interesse an ihrem Schrebergarten und verbrachte viel Zeit dort. Da ich eine sehr starke Beziehung zu meiner Oma habe, verbrachte ich oft viel Zeit mit ihr zusammen im Garten. Der Garten war somit ein gemeinsamer Verbindungspunkt unserer Beziehung. Da sie mir vieles im Garten zeigte und erklärte, habe ich nicht nur einiges über den Garten gelernt, sondern auch ihre eigene Beziehung zum Garten durch sie miterlebt. Durch die starke Beziehung zu meiner Oma wurde mir überhaupt erst ein Zugang zum Garten und damit auch zur Natur eröffnet. Ich konnte nachvollziehen, wie wichtig ihr der Garten war, und begann dadurch selbst, mich für den Garten zu interessieren. Die Beziehung zu meiner Oma hat ein Interesse in mir geweckt, dass sich später weiterentwickelt hat.
In dieser Beziehung zeigt sich für mich ein Gedanke wieder, den ich zuvor aus Eriugenas Verständnis des Denkens herausgearbeitet habe: Der Mensch entsteht nicht unabhängig von seinen Beziehungen, sondern wird durch die Menschen, mit denen er sich denkend verbindet, mit hervorgebracht. Meine Beziehung zu meiner Oma hat meine Wahrnehmung und mein Interesse an der Natur mitgeprägt.
Hier stellt sich für mich die nächste Frage; lässt sich das von Eriugena beschriebene gegenseitige Denken auch auf das Verhältnis zur Natur/Dem Garten übertragen? In seinem Text beschreibt Eriugena das Denken vor allem in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen, sowie zwischen Menschen und Engel. Die Natur wird dabei nicht als ein Gegenüber beschrieben, das dem Menschen auf dieselbe Weise bewusst denkend begegnen kann. Aus diesen Fragen heraus möchte ich im Folgenden versuchen, meine Beziehung zum Garten zu betrachten.
Um den Schrebergarten meiner Oma kümmere ich mich jetzt seit ca. zwei Jahren alleine. Der Garten ist für mich wie ein Gegenüber. Ich sehe den Garten als eine Art Beziehungsraum. Ich kann die Natur denkend betrachten und mich dadurch denkend mit ihr verbinden. Je mehr Zeit ich im Garten verbringe und mich mit den verschiedenen Pflanzen beschäftige, sie Aufmerksam betrachte, nachvollziehe wie sie wachsen und sie pflege, desto mehr beeinflussen wir, mein Garten und ich uns gegenseitig.
Ein Beispiel dafür ist die Nachtkerze. Obwohl ich bereits früher viel Zeit mit meiner Oma in ihrem Garten verbracht habe, ist mir erst durch meine eigene Beschäftigung mit dem Garten aufgefallen, dass sich die Blüten der Nachtkerze erst abends öffnen.
Der Garten beeinflusst auch meine Wahrnehmung der Welt. Das, was ich im Garten beobachte und erkenne, nehme ich auch außerhalb des Gartens wahr. Wenn ich zum Beispiel spazieren gehe, achte ich inzwischen viel stärker auf die verschiedenen Pflanzen. Der Garten ist dadurch auch dann in meiner eigenen Wahrnehmung, wenn ich mich nicht in ihm befinde. Die Auseinandersetzung mit dem Garten wirkt über den Garten selbst hinaus. Gleichzeitig entwickelt sich der Garten auch durch mich. Mein durch den Garten entstandenes Interesse an Naturschutz beeinflusst beispielsweise, wie ich ihn gestalte.
Eriugenas Verständnis des Denkens lässt sich somit auch auf meine Beziehung zum Garten anwenden. Denken spielt also auch in der Beziehung zur Natur eine wichtige Rolle, gerade heute wo diese Beziehung zwischen Menschen und Natur oft als problematisch wahrgenommen werden kann, kann Eriugenas Denkansatz als eine Möglichkeit gesehen werden, wie Mensch und Natur wieder zu einem positiveren Verhältnis kommen können.
Durch das aufmerksame Betrachten und Nachvollziehen entsteht eine Verbindung zu dem, womit man sich beschäftigt. Eine ernsthafte Verbindung zur Natur kann demnach auch erst entstehen, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt. Dadurch kann sich auch die Wahrnehmung der Natur verändern und der Mensch sich stärker als Teil der Natur verstehen.
Wenn der Mensch sich denkend mit der Natur auseinandersetzt kann dadurch auch seine Wahrnehmung und sein Handeln beeinflusst werden. Da sich beide gegenseitig beeinflussen. Das, was in dieser Auseinandersetzung entsteht, kann gleichzeitig wieder positiv auf die Natur zurückwirken. Das Denken dient somit nicht nur dazu, etwas zu erkennen, sondern kann auch das Verhältnis und das Handeln gegenüber der Natur verändern.
Anhang


