4. Oktober 2025

Rudolf Steiner und die Anthroposophie nach 100 Jahren


Ein Aufsatz von Marwa Eliana Ben Aharon, Studentin an der Alanus Hochschule, zum Blockseminar „Rudolf Steiner und die Anthroposophie nach 100 Jahren“ von Wolf-Ulrich Klünker und Ramona Rehn. Das Blockseminar hat im Frühjahrssemester 2025 stattgefunden. 

Auf den folgenden Seiten versuche ich einige Themen in Worte zu fassen, die wir im Blockseminar Rudolf Steiner und die Anthroposophie nach 100 Jahren behandelt haben. Die Erfahrungen, die ich in diesem Seminar gesammelt habe, wuchsen und arbeiteten auch danach in mir weiter. Sie verbanden sich mit Dingen, die in den anderen Kursen von Wolf- Ulrich Klünker und Ramona Rehn gesagt wurden, ebenso wie sie sich mit meinem Leben verbanden. Dies sind scheinbar einzelne Themen, die ich in Worte fassen möchte, aber eigentlich ist alles miteinander verbunden, verwoben, wie eine große, lebendige Kletterpflanze. Genau hier liegt die Herausforderung des Schreibens: zu entscheiden, welchem Zweig man folgen und welche verbindenden Verzweigungen man wählen soll. In mir lebt es auf räumliche und simultane Weise, aber im Geschriebenen müssen die Dinge eine aufeinanderfolgende und chronologische Ordnung finden.

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In den verschiedenen Kursen, die ich bei Wolf-Ulrich Klünker und Ramona Rehn besuchte, kam das Thema der Zukunftsoffenheit immer wieder vor. Vom ersten Mal an, als wir uns mit diesem Thema befassten, spürte ich, dass es wichtig war, aber es dauerte fast ein Jahr, bis ich das Gefühl hatte, dass ich zu verstehen begann. In diesem Blockseminar wurde das Thema schliesslich für mich zugänglicher.

Wir sprachen darüber, dass die Vergangenheit mit dem Denken verbunden ist, die Gegenwart mit dem Fühlen und die Zukunft mit dem Wollen. Dass die Zukunft mit dem Subjekt, dem Wahrnehmenden, verbunden ist, und die Vergangenheit mit dem Objekt, dem Wahrgenommenen. Die Zukunft ist mit der Entwicklung, dem Potenzial verbunden und enthält in sich das Werdende, das Neue, das „Noch-Nicht“. Wir sprachen darüber, dass wir die Vergangenheit aus dem Bewusstsein der Zukunft „ergreifen“ müssen, und nur dadurch die Vergangenheit ihre lebendige Bedeutung erhalten wird. Durch diese Bewegung können wir im Lebensaugenblick erwachen. Denn die Gegenwart ist tatsächlich ein Augenblick, flüchtig, und wird bereits zur Vergangenheit. Aber wenn wir in ihr aus der verwandelnden Bewegung des Zukunftsbewusstseins, das die Vergangenheit ergreift erwachen, dann kann das Gefühl entstehen.

Ich habe versucht zu verstehen, was das eigentlich bedeutet, denn ich kann ja nicht wirklich in der Zukunft sein, weil sie noch nicht geschehen ist und weil es sich hier nicht um Zeitreisen wie in Science-Fiction- und Fantasy-Büchern handelt. Ich verstehe dieses „Zukunftsbewusstsein“ als eine innere Haltung der Zukunftsoffenheit. Die Dinge als Entwicklung erleben, als Bewegung verstehen. Eine Haltung, die danach sucht, etwas Neuem, noch nicht Offenbartem, Raum zu geben. Und wenn wir die Dinge aus diesem Sichtpunkt sehen, erleben wir die Vergangenheit auf eine neue Weise. Wir fragen dann immer: Vorauf läuft es hinaus? Und nur wenn wir die Vergangenheit aus dieser Perspektive sehen, nur dann erhält sie eine Bedeutung von Wachstum und Gedeihen, von Lebendigkeit und Veränderung.

Wir sprachen darüber, dass die lebendige, geistige, zukunftsbezogene Seite des Denkens, Fühlens und Wollens die Imagination, Inspiration und Intuition ist. Ohne sie wird das Denken zum Idealismus, das Gefühl zur Sentimentalität und der Wille zum Instinkt. Und das, weil wir ohne Zukunftsoffenheit eigentlich in einer sich verlängernden Vergangenheit bleiben: Der Idealismus ist veraltete Gedanken, die zur Formel, zum Gesetz geworden sind, nach dem man die Welt sieht und handelt. Die Sentimentalität basiert ebenfalls auf vergangenen Gefühlen; wenn man die Gegenwart nicht erleben kann, kann kein neues Gefühl entstehen, und so klammert man sich an die Erinnerung eines alten Gefühls. Ebenso ist auch der Instinkt eine festgelegte und geschlossene Handlung, eine automatische Reaktion auf das Geschehen (auch die Gewohnheit gehört meiner Ansicht nach dazu). Was also tatsächlich geschieht, wenn das zukunftsoffene Bewusstsein fehlt, ist eine sich verlängernde Vergangenheit, eine die sich fortwährend wiederholt. Man reagiert immer auf die gleiche Weise, denkt und versteht nach dem, was war, und fühlt „Gefühle“, die der Vergangenheit angehören. Es gibt keinen Platz für Neues, für eine Entwicklung. Dazu ist es aber wichtig hinzuzufügen, dass wenn man die Vergangenheit nicht berücksichtigt, man in einer Welt der Illusionen leben wird. Die Bewegung zwischen den verschiedenen Polen ist sehr wichtig, und sie wird durch die Selbstaktivierung und durch das Gefühl (er)möglicht.

Aus diesen Dingen begann sich für mich die Situation im Nahen Osten neu zu klären. Ich denke, dass in einer Situation, in der ein Mensch oder ein Volk sich in einem andauernden Trauma befindet, es diesem nicht gelingt, den Blick zu heben und die Zukunft zu finden. So geschieht es tatsächlich, dass sich die Vergangenheit immerzu wiederholt. Jedes Mal, wenn die Vergangenheit wiederholt wird, ist dies sozusagen ein Beweis dafür, dass der Mensch in seinen Ängsten und Reaktionen, die aus Gewohnheit, Angst, Schmerz und den Ereignissen der Vergangenheit kommen, Bestätigung findet. In einer solchen Situation kann man das Potenzial für Wachstum und Gedeihen, das Potenzial für Veränderung und Entwickelung nicht sehen. Es gibt keine Hoffnung, nur eine andauernde Zeitschleife mit verschiedenen Erscheinungsformen desselben Inhaltes.

Der Ausstieg aus diesem Kreislauf erfordert das Erwachen zur Zukunft, und dies ist nur aus freier Selbsttätigkeit möglich. Und so komme ich zu einem weiteren und sehr wichtigen Aspekt der zukunftsoffenen Haltung: der Frage der Freiheit. Etwas wirklich Freies kann nur kommen, wenn wir für die Zukunft offen sind. Nur wenn wir die Vergangenheit aus dieser Suche nach dem Neuen, nach dem Richtigen und Individuellen für diesen spezifischen Moment betrachten. Solange ich im Vergangenheitsbewusstsein eingeschlossen bin, kann ich immer nur aus dem Bestehenden, dem Bekannten, der Gewohnheit wählen. Aber es gibt ein Geheimnis, das Entwicklung ermöglicht und mit der freien Wahl zusammenhängt. Manchmal fühlt es sich an, als ob man nur zwischen diesem oder jenem wählen kann, zum Beispiel weiß oder schwarz. Aber das Geheimnis ist, es zu schaffen, offen zu bleiben und das Dritte zu suchen, zum Beispiel die Farbe. Ich sehe die Zukunftsoffenheit als eine Wahl, die wir immer wieder treffen müssen. Dem „Noch-Nicht“ erlauben, sich zu offenbaren. In diesem Sinne dient die Vergangenheit als eine Art Vorbereitung, ein Kelch, in den das Neue, das Geistige, gegossen werden kann. Die Vergangenheit bereitet vor und ermöglicht, aber sie ist nicht das Wesentliche.

Ich habe viel über die Vergangenheit und die Zukunft geschrieben und wenig über die Gegenwart und über das Gefühl. Für mich ist das Gefühl das mysteriöseste, wie die flüchtige Gegenwart, die vorbeizieht. Auch das Gefühl wird, wenn wir daran denken, alt, ebenso wie die Gegenwart zur Vergangenheit wird. Aber gerade dank dieses Blockseminars ist es mir etwas klarer geworden. Mir ist klar, dass das Gefühl mit der Kunst verbunden ist, und tatsächlich ist die Kunst ein Raum, der von uns verlangt, in einem zukunftsoffenen Bewusstsein zu sein. Sie ermöglicht es uns, genau diese Bewegung zu üben, die das Erwachen im Augenblick der Gegenwart ermöglicht.

Wir sprachen darüber, dass das Gefühl gefühlt werden muss, und dass es krank macht, wenn man es nicht fühlt. Dass wir damit beginnen können, auf die kleinen Momente zu achten, in denen ein Gefühl auftaucht. In einem anderen Kurs sagten wir, dass wir zu den leibschaffenden Kräften gelangen, wenn wir auf die feinen Nuancen der Erfahrung hören, und je mehr wir das tun, desto mehr gelangen wir langsam zu den schöpferisch-gestaltenden Ich-Kräften. Ramona gab das Beispiel, mit dem Essen oder dem Lesen eines Buches aufzuhören, wenn es genug ist. In der Zeit, seit diese Dinge in den Kursen gesagt wurden, habe ich versucht, auf die leisen Erlebnisse zu hören. Ich habe bemerkt, dass die Schwierigkeit manchmal nicht darin besteht, aufzuhören, sondern zu tun. Zum Beispiel, wenn mir an den Füßen kalt ist, nicht zu ignorieren, sondern Socken anzuziehen, oder wenn ich hungrig bin, sofort zu essen anstatt es hinauszuzögern. Ich habe entdeckt, dass ich oft vermeide, Dinge zu tun, nur weil ich das leise Gefühl ignoriert habe, und wenn ich ihm Raum gebe und auf diese kleinen Dinge höre, werden meine Kräfte und meine Willenskräfte für mich zugänglicher. Gleichzeitig, als wir im Seminar über die Wichtigkeit, dem Gefühl Raum zu geben sprachen, sagten wir auch, dass dies nicht unbedingt bedeutet, dass man aus dem Gefühl heraus handeln muss. Man muss ihm Raum geben und dann entscheiden, wie man handeln will. Man darf den Willen nicht mit dem Gefühl verwechseln. Daraufhin kam in mir die Frage auf: Was macht man in einer Situation, in der das, was das Gefühl mir sagt, und das, was ich brauche, dem Lauf der Welt widerspricht? Und tatsächlich habe ich bemerkt, dass ich in Situationen, in denen ich meine Gefühle über längere Zeit ignoriere, weil die Welt weitergeht und ich es auch muss, mich selbst verliere und in unausgeglichene Gewohnheiten gerate, die aus meiner Konstitution resultieren. Ich habe gelernt, dass die Ignoranz des Gefühls tatsächlich krank macht.

Das Blockseminar beendete ich mit einem guten Gefühl. Obwohl ich seit einigen Wochen keinen Ruhetag gehabt hatte und obwohl das Seminar viele Stunden dauerte, kam ich nach jedem Tag mit neuen Kräften nach Hause. Glücklich, erfüllt, lebendig. Am Montag nach dem Seminar war wieder ein Tag voller Kurse, was sich für mich schon nach zu viel anfühlte. Ich konnte natürlich nicht einfach mitten im Kurs gehen, und auch in den folgenden Tagen konnte ich nicht innehalten, denn die Tage waren vollgepackt. Dieses Weitermachen, über meine Aufnahmefähigkeit hinaus, führte zu einem schlechten Zustand. Ich geriet in eine niedergeschlagene Stimmung, in der mir alles zu viel war und das Einzige, was ich wollte, war, eine Pause zu machen und mich einfach in meiner Wohnung in Ruhe zurückzuziehen, niemanden zu treffen, nichts zu lernen. Ich kehrte in den vertrauten, den verletzlichen Zustand zurück, den ich aus meinen Jugendjahren so gut kenne, aber diesmal hatte ich Werkzeuge, um ihn zu betrachten. Ich bemerkte, dass es innerhalb des überwältigenden Flusses des Lebens doch Momente gab, in denen ich Erleichterung verspürte. Zum Beispiel, als ich eine Blume aus der Wahrnehmung zeichnete. Oder als ich bei der Arbeit an der Kasse Menschen in einem klaren Rahmen traf. Am darauffolgenden Montag ging ich mit Besorgnis zu den Vorlesungen. Schließlich war es genau dort, wo ich die Woche zuvor in diese Niedergeschlagenheit geraten war. Doch diesmal brachte gerade das Zuhören aus diesem zitterhaften, existenziellen Zustand heraus Linderung, einem Zustand, der bereits das Bedürfnis und einen tiefen Durst nach Antworten und das Verständnis dafür, was in mir vorging, in mir geweckt hatte. Ich hörte zu wie ein Ertrinkender, der nach einem Rettungsseil sucht, und dachte über das Gesagte aus dieser Erfahrung heraus nach. Es war wie ein Schneeball, der an Fahrt gewinnt, und in den folgenden Wochen begann ich, für mich bedeutsame Dinge zu verstehen. Ich werde versuchen, sie hier zu formulieren.

Im Seminar am Wochenende wurde gesagt, dass wir uns nicht im Körper inkarnieren, sondern in der Welt durch den Körper inkarnieren (aus dem Heilpädagogischen Kurs von Rudolf Steiner). Es war das erste Mal, dass ich eine solche Beschreibung hörte, und dieser Gedanke erstaunte mich sehr. Zuvor hatten wir in einem anderen Kurs über zwei Krankheitsrichtungen gesprochen (auch aus dem Heilpädagogischen Kurs), Epilepsie und Hysterie. Wir sprachen davon, dass es bei der einen zu viel Form und bei der anderen zu wenig gibt. Und bei einer anderen Gelegenheit, dass die eine damit zusammenhängt, zu sehr draußen zu sein, und die andere damit, zu sehr drinnen zu sein. Natürlich versuchte ich, mich selbst in Bezug auf diese Tendenzen zu verorten. Zuerst schrieb ich mir die Tendenz zu, zu viel Form zu haben, aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass mein Bedürfnis, alles in klaren Formen zu organisieren, aus einem grundlegenden Gefühl herrührt, dass es nicht genug Form gibt, dass alles zwischen meinen Fingern zerrinnt. Im Kurs am Wochenende befassten wir uns erstmals mit der Bewegung zwischen den Extremen, zu sehr draußen und dann zu sehr drinnen. Diese Beschreibung entsprach schon mehr meiner Lebenserfahrung. Ich verstand, dass die Krankheitsform mit dem Ü berschuss an Form mit dem Eingeschlossen- Sein im Inneren, mit Kristallisierung, zusammenhängt (Epilepsie), und die Krankheitstendenz mit dem Mangel an Form damit, zu sehr draußen zu sein, mit Verdunstung (Hysterie) zusammenhängt. In mir kam die Frage auf, ob es nicht möglich sei, gleichzeitig zu sehr draußen und zu sehr drinnen zu sein?

Nach dem Seminar, als ich wieder in denselben vertrauten Zustand der Ü berempfindlichkeit geriet, dachte ich weiter über diese Themen nach. Zuerst fragte ich mich, was eigentlich in diesem Prozess der Sinneswahrnehmung geschieht, warum ich mich überflutet fühle und andere nicht? Warum nehme ich mehr Dinge wahr als andere und warum fällt es mir schwerer, die Eindrücke zu „filtern“? Das Erste, was ich zu verstehen begann, war, dass es mit meiner Anwesenheit zusammenhängt. Denn als ich zeichnete, überfluteten mich die Eindrücke nicht. Ob die Eindrücke überlaufen oder nicht, hängt also davon ab, ob jemand da ist, der sie empfängt, sie sortiert. Ich füge eine Skizze bei, die ich gemacht habe und die die Zustände veranschaulicht:

Später verstand ich, dass es nicht nur darum geht, anwesend oder nicht anwesend zu sein, sondern dass es eine dritte Möglichkeit gibt, eine Möglichkeit, in der ich aus mir selbst heraus in die Welt gehe, aus Interesse und Neugier. Aus einer Wahl heraus. Und dass in diesem Zustand die Eindrücke nicht zu viel sein werden, weil ich es bin, die hinausgeht, um ihnen zu begegnen, die sie aus Interesse, Wachheit und innerer Aktivität sucht. Mithilfe dieser Skizze verstand ich dies:

Jetzt möchte ich dies mit den Themen in Verbindung bringen, über die wir im Zusammenhang mit dem Heilpädagogischen Kurs gesprochen haben. In meiner Kindheit wurde mir immer gesagt, dass ich nicht genug inkarniert sei. Ich lernte zu wissen, dass Gefühle wie Schwindel und das Gefühl des Schwebens damit zusammenhängen, dass ich nicht genug im Körper bin. Dank des Seminars und der Kurse in diesem Semester, zusammen mit dem Zustand, in den ich geriet, verstand ich zum ersten Mal, dass die Inkarnation durch den Körper notwendig ist, um der Welt zu begegnen. Wirklich zu begegnen, aus einem aktiven und wachen Zentrum heraus, und dass dieser Zustand der Hypersensibilität damit zusammenhängt, in der Welt zu sein, ohne ausreichend durch den Körper gegangen zu sein oder sich lange genug darin aufgehalten zu haben. Wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, ist das natürlich sehr logisch. Denn letztes Jahr verstand ich im Blockseminar, dass die Abgeschlossenheit im physischen Körper für die Menschen notwendig war, um zu ihrem Ich zu erwachen. Das Ich ist dann wahrscheinlich jenes aktive und wache Zentrum, das ich bemerkte, als ich der Welt aus Wahl und Interesse begegnete. Daher kann ich ohne ausreichende Präsenz im physischen Körper der Welt natürlich nicht wirklich begegnen. Sondern nur auf eine offene, formlose und wahllose Weise darin sein, die mich mitreisst. Viele dieser Dinge wurden später in verschiedene Situationen gesagt (Kurs, Forschungskolloquium, Audio-Reihe), aber damals war es ein Prozess, in dem ich alle möglichen Sätze aus allen möglichen Vorlesungen mit meiner Erfahrung verband und so zu diesem für mich aufregenden und bedeutungsvollen Verständnis gelangte.

Die Einsicht im Zusammenhang zwischen einer ausreichenden Inkarnation und der Fähigkeit, die Eindrücke der Welt zu fassen und ihr wirklich zu begegnen, ist zwar eine wichtige Erkenntnis für mich, doch sie darf nicht als endgültig betrachtet werden. Denn dies könnte so aufgefasst werden, als ob ein Mensch entweder ausreichend inkarniert ist und deshalb der Welt begegnen kann, ohne überflutet zu werden, oder eben nicht. Es muss ein weiterer Aspekt hinzukommen, der mit dem Begriff „Selbstaktivierung“ verbunden ist.

Diesen Begriff verstand ich, wie so viele andere, anfangs nicht. Doch dann geschah, was im Seminar gesagt wurde. Wir sprachen darüber, dass wir ohne Begriffe und Konzepte den Dingen nicht begegnen können, und dass wir dank der Begriffe eine Sensibilisierung entwickeln können, die es uns ermöglicht, neue Dinge zu erfahren, zu sehen und ihnen zu begegnen. Wir sprachen auch darüber, dass die Anthroposophie nicht dazu da ist, Antworten zu geben, sondern eine Sprache und Begriffe zu entwickeln, mit deren Hilfe wir unsere Fragen klarer und spezifischer formuliert können. Die Antworten werden dann durch das Leben und die Welt kommen.

So kam es, dass ich mit der Zeit Erfahrungen sammelte, die ich mit dem Begriff Selbstaktivierung zu verbinden begann. Ich bemerkte zum Beispiel, dass ich mich selbst in die Gegenwart holen kann und dass es mir, wenn ich dies tue, nicht mehr langweilig ist und mich nicht mehr ermüdet. Als ich etwa diesen Sommer Kinder hütete, versuchte ich, mich immer wieder in die Gegenwart zu ziehen und mit dem Kind präsent zu sein. Ich musste immer wieder bewusst Interesse finden, präsent und in innerer Bewegung bleiben, selbst wenn wir immer und immer wieder dasselbe taten. Jedes Mal, wenn mir das gelang, geschah etwas Wunderbares: Die Zeit verging, ohne dass ich es bemerkte, und ich beendete die Arbeit voller Kräfte und ohne Erschöpfung. Auch die Wirkung meiner Präsenz auf das Kind war erstaunlich.

Auf dieselbe Weise kann man auch für die Hypersensibilität die Verantwortung übernehmen. Man kann aus einer bewussten, inneren Aktivität heraus das Interesse suchen und dadurch eine ausgewogenere Begegnung mit der Welt schaffen. Aus dem in den verschiedenen Kursen Gesagten und aus meiner eigenen Erfahrung verstehe ich die Selbstaktivierung als eine innere „Zündung“, die Wärme und Bewegung erzeugt und es ermöglicht, Interesse zu finden, welches seinerseits, zusammen mit der Selbstaktivierung, eine Art atmende Schutzhülle bildet.