Die Mysteriendramen Rudolf Steiners
zum Hintergrund der Inszenierung
Erkenntnis ist auf jeder Lebensstufe anders
26. – 31. Dezember 2025


Im Rahmen der Weihnachtstagung vom 26. – 31. Dezember 2025 werden die vier Mysteriendramen von Rudolf Steiner im Goetheanum aufgeführt. Nach 15 Jahren sind sie in dieser Inszenierung und Zusammensetzung zum letzten Mal zu sehen. Gioia Falk, die die künstlerische Gesamtleitung und die Regie für die Eurythmie hat und Christian Peter, zuständig für das Schauspiel, werden die Leitung nach dieser Aufführung in neue Hände übergeben. Für 2026 ist keine Aufführung dieser Dramen vorgesehen.
Motto und Überschrift der diesjährigen Aufführung „Erkenntnis ist auf jeder Lebensstufe anders“ bezieht sich auf eine Aussage Straders aus dem ersten Drama, die ihn zutiefst erschüttert. Strader bemerkt in dieser Folgerung, dass das Erkenntnisprinzip in den Bereich der Entwicklung eingeht. In seiner Zukunftsoffenheit und seinem Sachbezug empfindet er durch diese Aussage, dass Wissen allein dem Suchenden keinen wirklichen Halt geben kann, sondern dass der Bereich der Erkenntnis dem Wandel unterliegt, mit der eigenen Lebensentwicklung und Lebensvertiefung verknüpft ist. Hier wird untergründig spürbar, wie sehr Strader in seinem Lebensgefühl mit der Welt verbunden ist. So wie sich Erkenntnis mit den Lebensstufen entwickelt und neue Fragen, Herausforderungen aber auch neue Sichtweisen mit sich bringt, hat sich auch diese Inszenierung mit den einzelnen Darstellern über die Jahre entwickelt.
Die einzelnen Protagonisten der Dramen bilden in ihrem individuellen geistigen Streben eine Schicksalsgemeinschaft, in der sich die Intentionen der einzelnen immer auf das Gesamtgefüge auswirken. Jeder Schritt, jeder Irrtum, jede Unterlassung aber auch jede individuelle Einsicht haben Folgen auf der Kraftseite, die bestimmte hilfreiche oder hemmende Wesen auf den Plan rufen. Das Scheitern, aber auch sich in der Beziehung zum Anderen zu finden, ist Teil des Zusammenhangs.
Viele Jahre vor der aktuellen Inszenierung erlebt sich Gioia Falk, während sie als Eurythmistin auf der Bühne steht, in der Szene der Weltenmitternacht „umbraust von Sprache“, wie sie selbst schildert. In der Art der Rezitation empfindet sie eine stimmige Entsprechung zu Rudolf Steiners Regieangabe „in sinnvollem Farbenfluten“, die ein strömendes Bewegungsbild erzeugt. In der Darstellungsweise hingegen war jedoch alles in Ruhe, die Schauspieler standen im Bühnenbild. Es wurde mehr rezitiert als gespielt. Diese Diskrepanz und Farberlebnisse sind Schlüsselmomente, die sie zu der Frage führen, wie die vielen Beschreibungen der Geistgebiete in den Dramen künstlerisch adäquat als bewegtes Bild durch die Eurythmie in die Sichtbarkeit treten können. Rudolf Steiner selbst hatte begonnen einige Szenen der Dramen für die Darstellung durch die Eurythmie zu gestalten. Für die Einweihung des ersten Goetheanums war eine Neuinszenierung der Dramen geplant. Die Eurythmie galt ihm, vor allem für die Darstellung geistiger Vorgänge, als „die naturgemäße Form des Bühnenausdrucks“. Der Brand des ersten Goetheanums bereitete dieser Arbeit jedoch ein Ende. Eine Ausgestaltung weiterer Szenen durch die Eurythmie war in dieser Zeit nicht mehr möglich.
Die frühere Inszenierung der Dramen, vor der Neugestaltung durch Gioia Falk, geht im Wesentlichen auf Marie Steiner zurück, die vor allem von der Sprachgestaltung ausging. Für Marie Steiner war es damals zeitbedingt noch nicht möglich die Eurythmie als tragendes Gestaltungselement in die Dramen einzubinden. Sie musste ihre Versuche dazu beenden.
Die Szenen die Rudolf Steiner selbst für die Eurythmie noch einrichten konnte bildeten für Gioia Falk die Grundlage ihrer Inszenierung. Sie hatten für sie Modellcharakter um weitere Szenen durch die Eurythmie in farbig bewegte Bilder zu bringen. Das Schauspiel konnte durch neue Bewegungsmotive, die Rudolf Steiner ebenso angeregt hatte, in die dynamischen Bilder eingebunden werden, die mit der Umgebung jetzt in lebendiger Resonanz stehen. Eurythmie wurde jetzt bewegte „Kulisse“, die den wechselnden inneren Seelenzustand spiegelt. Das Augenmerk auf eine mehr dialogische Gestaltung lies die Darsteller insgesamt menschlicher wirken.
Das Wechselspiel und die Verbindung zwischen innerem Erleben der Protagonisten und äußerem Geschehen wird im Verlauf der Dramen immer deutlicher, breitet sich immer mehr in die Umgebung als „Landschaft“ aus und wirkt resoniered wieder zurück.
In diesem Sinne darf man gespannt sein welche Resonanz, welches Miterleben diese letzte Aufführung der Mysteriendramen in dieser Zusammensetzung möglich macht.
Susanne Hörz, Karlsruhe

