1. Dezember 2023

Liebe Freunde der DELOS Forschungsstelle,


kurz vor der Adventszeit wenden wir uns wieder gern an Sie, diesmal mit einer Betrachtung zum Fünften Evangelium. Unsere Anschreiben sind seltener geworden, weil die Aktivitäten der  Delos Forschungsstelle seit längerer Zeit leicht über unsere Internetseite verfolgt werden können.

Wir möchten Sie auch an der Lebenswirklichkeit der Forschungsstelle teilhaben lassen – und dazu gehört natürlich die wirtschaftliche Situation. Für das nächste Jahr müssen wir uns vornehmen, Sanierungsarbeiten am Haus der Forschungsstelle ausführen zu lassen; insbesondere geht es dabei um eine Erneuerung von zwei größeren Treppenanlagen. Es handelt sich dabei um den Aufgang zum Haupteingang und um die Treppe zur Terrasse unseres Seminarraums. Hinzu kommen notwendige Arbeiten an der Dachentwässerung. Der dazu notwendige zusätzliche finanzielle Aufwand beträgt  etwa 45.000 Euro.

Wir hoffen sehr auf Ihre Unterstützung, denn das Haus der Forschungsstelle, das ja auch unser Wahrzeichen ist, bildet eine unverzichtbare Grundlage unserer Arbeit und unserer Wirksamkeit.

Wir bedanken uns bei allen, die uns finanziell und ideell unterstützen und so in diesem Jahr die Arbeit der DELOS Forschungsstelle ermöglicht haben.

Mit herzlichen Grüßen für die Weihnachtszeit und den besten Wünschen für das neue Jahr

Wolf-Ulrich Klünker
Roland Wiese
Ramona Rehn

PS: Wir möchten die Gelegenheit nutzen, Sie auf unsere nächste Online-Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Waldorfpädagogik (Köln) hinzuweisen. Sie trägt den Titel „Michaels herbe Liebe. Das Gefühl zwischen Licht und Wärme“ und findet am Samstag, dem 2. Dezember statt. Nähere Informationen dazu finden Sie auf unserer Webseite.

Bild oben: Rosen vor der DELOS Forschungsstelle, Lochkamerabild von Ramona Rehn

Der Löwe des Fünften Evangeliums

Eigentlich ist der Löwe das Wesen des Markus-Evangeliums (Matthäus: Engel; Johannes: Adler; Lukas: Stier). Wolf-Ulrich Klünker hat aber den Löwen in der Goetheanum-Tagung zum Fünften Evangelium erwachen lassen. Er sagte in seinem ersten Beitrag: „Dieser frühere Löwe des Markus-Evangeliums erwacht im Fünften Evangelium Rudolf Steiners.“ Gemeint war dabei die Darstellung „Löwe erwachend“ von Ramona Rehn.

Die Tagung zum „Evangelium der Erkenntnis“ fand vom 10. bis 12. November 2023 im großen Saal des Goetheanum statt. Im Mittelpunkt standen die Darstellungen Rudolf Steiners zum sogenannten Fünften Evangelium, insbesondere aus dem Jahr 1913. Methodisch wird hier deutlich, dass die Inhalte aller Evangelien auf einem geistigen Erleben beruhen, das sich in verschiedenen Menschen individuell-spirituell differenziert. Die schriftlichen Texte der vier Evangelien des Neuen Testaments können als eine relativ späte, sich erst um das fünfte nachchristliche Jahrhundert abrundende schriftliche Version solcher Erlebnisformen gelten. Das Fünfte Evangelium geht aus von den Lebens- und Erkenntnisentwicklungen des 20. Jahrhunderts. Es kann somit die Darstellungen des Neuen Testaments differenzieren und konkretisieren.

Die Erkenntnismethode des Fünften Evangeliums kann in gewisser Hinsicht als psychologisch bezeichnet werden. Es wird angeknüpft an die geistigen Erlebnisformen der Apostel, also an die Menschen in unmittelbarer Umgebung des Jesus Christus. Diese waren erst durch die geistige Inspiration des Pfingstereignisses in der Lage, allmählich rückblickend das Geschehene zu verstehen. So wie Rudolf Steiner an das sich entwickelnde Pfingsterleben der Apostel anknüpfen konnte, ist es heute im Prinzip möglich, mit einem empfindendem Denken an die Ausführungen Rudolf Steiners zum Fünften Evangelium anzuknüpfen.

Die Jesus-Gestalt des Fünften Evangeliums hat vier entscheidende geistig-existentielle Erlebnisse, deren Tragweite eigentlich erst im 21. Jahrhundert deutlich werden konnte. Die Erlebnisse beschreiben nämlich die Lebenssituation des Ich im 21. Jahrhundert. Es handelt sich dabei exemplarisch und symptomatisch um Grunderfahrungen des Ich mit weitreichender psychischer, körperlicher, geistiger und zwischenmenschlicher Bedeutung. Diese Erfahrungen sind sowohl für eine Psychologie des 21. Jahrhunderts als auch für eine moderne Erkenntnislehre von Bedeutung.

Jesus erlebt erstens mit aller Konsequenz, dass keine geistige Offenbarung und keine geistige Erfahrung mehr möglich ist. Zweitens erlebt er, dass dort, wo noch vermeintlich Geistiges praktiziert wird, in Wahrheit Gegenkräfte destruktiv wirken. Drittens gewinnt er die Überzeugung, dass auch in spirituellen Sonderbemühungen und Sondergemeinschaften kein Ausweg gefunden werden kann. Viertens zeigt sich ihm geistig wie existentiell, dass unter diesen Voraussetzungen kein Weiterleben der Ich-Individualität möglich ist – außer in einer neuen Verbindung mit einem anderen Menschen (Gespräch mit Maria). Diese Verbindung kann als eine Art Ich-Austausch bezeichnet werden. Das Ich wird dabei im dreifachen Sinne Hegels „aufgehoben“: aufgelöst, bewahrt und emporgehoben.

Das Fünfte Evangelium Rudolf Steiners war inhaltlich (christologisch), methodisch und erkenntnistheoretisch ein entscheidender Schritt und damit geisteswissenschaftlich grundlegend. Inhaltlich bewegte es sich an der Grenze der wissenschaftlichen Theologie – wie die Anthroposophie überhaupt nur an den Endpunkten der wissenschaftlichen Entwicklung entstehen und wahrheitsfähig sein kann.

Die Theologie hatte in den vorangegangenen Jahrzehnten den Christus des Neuen Testaments aufgegeben; man wollte die Evangelien nur noch im Hinblick auf den Menschen Jesus untersuchen. Bei diesem historisch-biografischen Missverständnis der christlichen Botschaft wurden aber sogleich die Unterschiede und „Widersprüche“ der Evangelien deutlich; zudem zeigten sich die Evangelien Schriften in all ihren philologischen Problemen. So kam man zu dem Ergebnis, dass in den Texten auch keine belastbaren Aussagen über den Menschen Jesus auszumachen sind. Man konnte die Evangelien in ihren verschiedenen Textschichten und in ihrer historischen Entstehungsgeschichte lediglich als Dokumente unterschiedlicher Glaubensrichtungen des frühen Christentums gelten lassen. Und schließlich kam die wissenschaftliche Theologie sogar zu dem Ergebnis, dass selbst die Wahrhaftigkeit von Glaubensaussagen in den Schriften zu hinterfragen sei; in einer Konsequenz dieser Perspektive konnte beispielsweise der Prolog des Johannes Evangeliums später als Dokument einer Auseinandersetzung einer Johannes- und einer Jesus-Gruppierung erscheinen. Die theologische „Textkritik“, die innerhalb der theologischen Wissenschaft entwickelt worden ist, wurde auch von anderen wissenschaftlichen Disziplinen übernommen und praktiziert.

Rudolf Steiner erkannte, dass das Christentum und auch die Wissenschaft in methodisch notwendiger Konsequenz den Menschen Jesus verlieren muss, wenn die Frage nach Christus aufgegeben wird. Deshalb vollzog Rudolf Steiner in einem ersten Schritt geisteswissenschaftlich-methodisch die Umwendung der Perspektive, wie sie in dem Titel der Vortragsreihe „Von Jesus zu Christus“ (1911) zum Ausdruck kommt. Nur eine Erkenntnisintention, die sich auf Christus richtet, kann auch den Menschen Jesus in den Blick nehmen. Die Ansätze zur Differenzierung der beiden unterschiedlichen Jesus-Gestalten des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums wird mit dem Fünften Evangelium sensibilisiert und intensiviert. An der Grenze akademischer Forschung werden imaginative, inspirative und intuitive Kräfte geisteswissenschaftlich aktiviert. So ist es möglich, über die Textgestaltung der Evangelien hinaus Anschluss an die Bewusstseinsformen derjenigen Menschen zu finden, die Jesus Christus unmittelbar begleitet und erlebt haben.

So entstand auch die Möglichkeit, die Logos-Existenz des Jesus und die menschliche Existenz des Christus innerhalb der kosmischen, der irdischen und der geistesgeschichtlichen Evolution zu verstehen. Die Verbindung des Logos-Geistes mit dem Menschen und des Menschen mit dem Logos konnte biografisch und psychologisch konkretisiert werden. Methodisch war dabei unabdingbar, den Berührungspunkt von Theologie und Anthropologie zu finden; zugleich musste der Integrationspunkt von Christologie und Psychologie gefunden werden. Diese wissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Schritte waren nur möglich, indem Subjekt und Objekt der Erkenntnis nahe zusammengebracht wurden. Mit dem Fünften Evangeliums bereitete Rudolf Steiner bereits im Jahr 1913 die Erkenntnisgrundlagen der Freien Hochschule und der Anthroposophie des Spätwerks vor, beispielsweise der Anthroposophischen Leitsätze. In gewisser Hinsicht kann das Fünfte Evangelium auch als ein Vorschein der Klassenstunden, der Erkenntnishaltung der Weihnachtstagung und der späten Schriften Rudolf Steiners gelten.

Diese Perspektive war für Wolf-Ulrich Klünker in seinem ersten Tagungsbeitrag leitend. Der Vortragstitel lautete „Der Weg zum Fünften Evangelium. Subjekt und Objekt spiritueller Erkenntnis“. Ramona Rehns Bild „Löwe erwachend“ diente dabei als Beispiel, wie sich Subjekt und Objekt in jedem Verständnis- und Erkenntnisakt verbinden. Das Gemälde wurde in enormer Vergrößerung auf die Bühne projiziert, und die Teilnehmenden konnten in einer kleinen eigenen Übung bemerken: ich selbst erkenne mich beim Verstehen des Löwen in der Löwengestalt, und in demselben Vorgang entsteht der Löwe in mir.

Die Intensivierung einer solchen Erkenntniserfahrung führt zu einer Berührung der Gestalt des Jesus und seiner Verbindung mit dem Christus-Logos-Wesen. In letzter Konsequenz gilt hier das Ergebnis der 19 Klassenstunden Rudolf Steiners und der „Phänomenologie des Geistes“ Hegels: Es ist Ich. Das Erkenntnissubjekt wird zum Erkenntnisobjekt, das Erkenntnisobjekt zum Subjekt. Dann spreche ich nicht mehr über eine Sache, sondern aus der Sache, und die Sache spricht aus mir. Wenn die Stimmung der Advents- und Weihnachtszeit nicht sentimental oder historisch mißverstanden wird, kann sie zur Erfahrungsgrundlage für eine solche Erkenntnishaltung werden.

Es erscheint heute unabdingbar, den wissenschaftlichen Blick auf den Menschen durch eine radikale Entwicklungsperspektive zu erweitern, in der die nachtodliche und die vorgeburtliche Existenz psychologisch und anthropologisch einbezogen werden. Dabei kann sich zeigen, dass der Übergang in die nachtodliche Daseinsform durch eine grundlegende Verwandlung gekennzeichnet ist: ich erlebe mich nicht mehr aus mir selbst, sondern aus den Dingen und Menschen, mit denen ich verbunden bin. Und für die vorgeburtliche Entwicklung ist entscheidend, diese Umgebungsperspektive durch die Bildung des individuellen Organismus wieder in die irdische Zentralperspektive zu verwandeln.

So wird für die Psychologie und für die Anthropologie das Verhältnis von zentralem zu peripherem Ich immer wichtiger. Zum peripheren Ich gehören auch die Menschen, mit denen ich verbunden bin. In intensiven zwischenmenschlichen Verbindungen kann der Übergang vom zentralen zum peripheren und vom peripheren zum zentralen Ich, also die Oszillation von Subjekt und Objekt, bereits im Erdenleben vollzogen werden. Das Fünfte Evangelium berichtet von einem Gespräch des Jesus mit Maria. Der Mensch Jesus verbindet in dieser Situation in sich die konstitutionelle seelische und leibliche Offenheit der Jesus-Gestalt des Lukas-Evangeliums mit der Erkenntnishöhe und der Erkenntniskonsequenz der Jesus-Gestalt des Matthäus-Evangeliums. Ich-Entwicklung ist nur dann möglich, wenn ich in mir meine individuelle geistige Spitze mit dem ganz Anfänglichen als Entwicklungsoffenheit verbinde.

Jesus kann Maria die Ausweglosigkeit seiner Situation menschlich wie geistig so sehr verdeutlichen, Maria kann das Erleben des Jesus so authentisch miterleben (und Jesus kann sich von Maria so umfassend miterlebt erleben), dass sein Ich-Erleben an Maria übergehen kann. Damit ist von der menschlichen Seite her die Voraussetzung und Offenheit gegeben, dass das Christus-Logos-Wesen als Ich-Prozess in diesen Menschen einziehen kann. Von Seiten der Entwicklung des Logos musste die Möglichkeit zu diesem Übergang geschaffen werden, indem der Logos durch sämtliche hierarchische Stufen eine Art Abstieg bis an die Grenze der menschlich-irdischen Existenzform bereits vollzogen hatte.

„Was folgt nach dem Fünften Evangelium?“

So lautete der Titel des zweiten Beitrags von Wolf-Ulrich Klünker. Das Fünfte Evangelium bildet für die Zukunft den Berührungspunkt für Christologie und Psychologie. Daraus entsteht eine spirituelle Menschenkunde, die alle Tiefen der menschlichen Seele zu berücksichtigen hat, auch in ihren Schattenseiten. So gilt auch für Erkenntnisse wie die des Fünften Evangeliums (und auch für die gesamte Anthroposophie), was als seelische Wirkung beim Menschen psychologisch bekannt ist: auf eine große Anstrengung, auf eine wichtige Erkenntnis, auf einen folgenreichen Entwicklungsschritt kann für längere Zeit eine Depression folgen. Man muss heute, 110 Jahre nach der Entstehung des Fünften Evangeliums und 100 Jahre nach der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft die Frage stellen, ob sich nicht die Anthroposophie und die mit ihr verbundenen Menschen in einer solchen Situation befinden.

Rudolf Steiner hat im Fünften Evangelium viele Elemente der Anthroposophie seines Spätwerks vorweggenommen: die Bedeutung des individuellen Erlebens für geistige Erkenntnis, eine damit verbundene positive Qualifizierung des Gefühls und eine Begriffsbildung, die sich durch die Empfindungsbildung des Erkennenden verifiziert (Willenskonsequenz im Wahrheitsgefühl). Fern von jedem Werturteil ist es interessant, den Aspekt der seelischen, erkenntnisbezogenen und spirituellen Depression auf die Lage der Anthroposophie anzuwenden, vielleicht auch im Sinne eines hundertjährigen Dornröschenschlafs.

Ein zweiter Aspekt, der sich für das 21. Jahrhundert aus psychologischen Ergebnissen des Fünften Evangeliums ergibt, kann mit dem Begriff der Dissoziation beschrieben werden. Der Weg Jesu zum Jordan nach dem Gespräch mit der Mutter erscheint in der Darstellung Rudolf Steiners als eine Krise des Ich in der Nähe der Geistselbst-Berührung. Die Intention der Johannes-Taufe und damit der unmittelbaren Logos-Begegnung setzt voraus, dass die vorangegangene geistig-seelische Ich-Entwicklung an eine Grenze gekommen ist. An einer solchen Grenze muss die seelische Verfassung mitsamt des Selbst- und Lebensgefühls krisenhaft werden. Der individuelle Übergang zum Geist und damit die Individualisierung des Logos ist notwendigerweise mit einer gewissen seelischen Erschütterung und Aushöhlung verbunden – es gibt keine risikolose geistige Entwicklung. Die wirkliche Begegnung von Seele und Geist im menschlichen Ich führt zu einer Krise der Seele und zu einer Krise des Geistes. Erst aus einer solchen Dissoziation heraus kann sich die Empfindung geistselbstartig neu konsolidieren und der Geist im seelischen Erleben vermenschlichen. Vielleicht müsste für eine moderne Ich-Psychologie in diesem Berührungsprozess die eigentliche Bedeutung der Individualisierung gesehen werden.

Die vier entscheidenden Erlebnisse des Jesus des Fünften Evangeliums führen außerdem seelisch, geistig und im Lebensgefühl zu einer umfassenden Abstraktion. Das Ende aller früheren Wahrheiten bewirkt eine innere und auch im Äußeren erlebte Leere. Die Einsicht, dass dort, wo noch Wirksamkeit und Erfüllung erlebt werden, bisher unerkannte Gegenkräfte am Werk sind, verstärkt dieses Erleben noch. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass kein Ausweg aus dieser menschlichen Situation möglich ist, weil damit die Destruktivität der Gegenkräfte noch verstärkt würde. Es kann nicht zu neuen Gemeinschaftsbildungen kommen, denn diese würden der Entwicklungssituation des Ich nicht entsprechen und zu Spaltungen in der Menschheit führen. In einer solchen Situation muss die Individualität die Isolation seiner Existenz als unausweichlich akzeptieren.

Und schließlich die Erfahrung des Gesprächs mit der Mutter, dass ein wirkliches Verstehen und Miterleben des anderen Menschen den eigenen Ich-Prozess wie adaptieren und auflösen kann: all diese Erfahrungen müssen in die Leere, in die Abstraktion des eigenen Selbsterlebens, des Lebensgefühls und der Verbindung mit der Welt und mit anderen Menschen führen. Man kann diese Grenze auch als eine umfassende Lähmung und Aussichtslosigkeit beschreiben. Das Ende einer solchen Selbstabstraktion ist zunächst nicht abzusehen, und auch hier zeigt sich, dass die Geistselbstberührung des Ich nicht als fest gegründeter biografischer Prozess, sondern nur als krisenhafte, risikoreiche und Mut erfordernde Intentionalität verstanden werden kann.

Weihnachten: Die Welt ist nur noch geistig zugänglich

Wenn also Depression, Dissoziation, Isolation und Abstraktion zur umfassenden Lebenserfahrung werden, können nur neue Begriffe weiterhelfen. Diese Begriffe bilden auf der imaginativen Ebene neue Erkenntnis- und Lebenszusammenhänge. In der inspirativen Dimension eröffnen sie neue Erlebnis- und Empfindungsräume; und als intuitive Kräfte können sie neue Willensrichtungen erschließen. Es handelt sich dabei um eine Art Genesung und Rekonvaleszenz nach einer Krankheit. Als der wichtigste Begriffszusammenhang kann dabei die Einsicht gelten, dass neue Lebens- und Tätigkeitsbereiche nur durch neue geistige Perspektiven entstehen können. Im Weihnachtsgeschehen begegnet das Urbild einer solchen Einsicht.

Wir haben zur Verdeutlichung hier noch einmal ein Kinderbild der Weihnachtssituation wiedergegeben und übernehmen die Bildbetrachtung aus Wolf-Ulrich Klünkers Buch „Die Erwartung der Engel“.

Das nebenstehende Bild wurde von einem neunjährigen Kind mit Aquarellfarben gemalt. Es hat etwa Postkarten-größe und zeigt ein Weihnachtsmotiv: Drei Hirten gehen auf ein hüttenähnliches Gebäude zu, das in einer Mischung aus Innen- und Außenansicht gezeigt wird. Im Innern die Szene des Heiligen Abends mit Maria, Joseph, dem Kind in der Krippe und einer auffälligen, von der Decke herabhängenden Laterne; diese bildet einen wichtigen Bestandteil des Bildgeschehens. Auf beiden Seiten des Gebäudedaches ist jeweils ein Engel zu sehen, welcher seine Aufmerksamkeit und Tätigkeit auf das Innere der Hütte richtet; über dem Gebäude, mit geringem Abstand zum Dachfirst, ein Fünfstern. Den Boden oder Untergrund der gesamten Darstellung bildet ein grüner Streifen, durchlaufend auch im Innern der Hütte, die keinen eigenen Fußboden besitzt.

Auffällig sind einige Einzelheiten der Darstellung: Die bereits nahe herangekommenen Hirten verursachen offenbar eine Eindellung der Hüttenwand; hier ist eine gewisse Kraftwirkung spürbar. Joseph und Maria sind mit dem Kind allein, es sind keine Tiere anwesend – so kann das Gebäude eigentlich nicht als Stall bezeichnet werden. Eine bestimmende Wirkung hat aber die Laterne; sie verbreitet intensiv einen Lichtschein, der, sehr viel feiner und eher angedeutet, auch Marias Kopf und das Kind in der Krippe umgibt. Joseph ist ohne eine solche Lichtaura dargestellt. Er hat einen Stab in der Hand, der ihn mit den beiden ersten Hirten verbindet. Außerdem ist sein Gesicht von einem Bart umrahmt, wie auch zumindest die beiden ersten Hirten einen Bartansatz zeigen. Eine weitere Verbindung zwischen den Hirten und Joseph bildet die hutähnliche Kopfbedeckung; die Gewänder allerdings sind unterschiedlich: Die Hirten tragen Hosen, Joseph einen Umhang oder Mantel. Das Gewand Marias ist tiefrot und korrespondiert mit dem sternförmigen Rot (Feuer) im Innern der von der Decke hängenden Laterne; das Rot in der Bekleidung der Hirten ist dunkler und gedämpfter.

Der Engel auf der linken Dachseite berührt mit seinen Armen das Gebäude, sein Blick ist direkt nach unten auf das Geschehen in der Hütte gerichtet; über seinem Haupt ist ein roter Lichtschein zu sehen, der in der Farbe dem Feuer in der Laterne und Marias Gewand entspricht. Der Lichtschein des Engels ist anders gefasst als die eher sternen- bzw. strahlenförmige auratische Umgebung Marias, des Kindes und des Laternenscheins. Der Engel auf der rechten Dachseite berührt das Gebäude mit einem Fuß, sein Blick ist nicht nach unten gerichtet, sondern zur Dachspitze. Genauer formuliert: Er scheint zwischen der Dachspitze und dem Stern wie zu dem anderen Engel hinzublicken, nur ist dieser Blick lediglich angedeutet, nicht wirklich durchgeführt.

Die Dynamik des Bildgeschehens kommt zum Ausdruck, wenn man beachtet, dass die Hirten nicht in das Innere der Hütte blicken. Davon werden sie durch die auffällig eingedellte Wand abgehalten: sie können das Innere offenbar nicht wahrnehmen. Ihr Blick geht vielmehr nach oben zu dem Engel auf der rechten Dachseite; auch diese Ausrichtung ist in der kindlichen Darstellung nur angedeutet, in der räumlichen Gestaltung nicht durchgeführt. Dass die Aufmerksamkeit der Hirten nach oben gerichtet ist, kann man aber sehr deutlich an der Stellung der Hüte erkennen. Die Sehbewegung der Hirten wird von der Dachtraufe wie aufgenommen, vom Dach an den Fuß des rechten Engels weitergegeben und durch dessen «Leib» über die Hände weitergeleitet. Die Bewegung setzt sich dann kurz über der Dachoberfläche fort, wird von dem Stern aufgenommen, durch dessen Zackenstellung über dem Dach wie aufgefangen und auf der linken Dachseite wieder nach unten geleitet. Dort, wiederum kurz über dem Dach, wird die Bewegung von dem roten Lichtschein des Engels oder dem Kopf des Engels, vielleicht auch durch den hinter dem Lichtschein liegenden Flügel übernommen und von dem Arm des Engels an die linke Dachfläche weitergegeben. Von dort verläuft sie in das Gebäudeinnere. Man kann vielleicht sogar den Eindruck haben, diese Bewegung erreiche im braunen Dachbereich des Gebäudes, ausgehend vom Arm des linken Engels, den Punkt der Aufhängung der Laterne an der Decke des Hütteninnenraums. Der Engel selbst blickt dabei nicht auf die Aufhängung, sondern auf das Innere der Laterne, mit dem er durch die Farbe seines Lichtscheins verbunden ist.

Setzt man diese Dynamik der Bildgestaltung in eine inhaltsbezogene Bewegung um, so ergibt sich, dass die Hirten das Christus-Geschehen im Innern der Hütte nicht direkt, sondern über die beiden Engel wahrnehmen. In dieser Bildgestaltung kommt zum Ausdruck, dass sie den Vorgang geistig schauen. Auch der Stern ist an diesem spirituellen Wahrnehmungsvorgang beteiligt, indem er die Bewegung, die aus der weitergebenden Geste des rechten Engels entsteht, auffängt und auf der linken Dachseite herunterspiegelt; dort wird sie vom Kopf, Lichtesschein und Flügel des linken Engels aufgefangen und von dessen Arm wie beschrieben weitergeleitet. Aber auch die auffällig leuchtende Laterne ist an dem Wahrnehmungsvorgang der Hirten beteiligt – die Hirten benötigen offenbar die Vermittlung durch die geistige Welt der Engel, aber auch durch den kosmischen Sternbereich, um das sich hier vollziehende irdische Geschehen «sehen» zu können. Selbst Maria scheint nicht direkt auf das Kind, sondern auf die Laterne zu blicken, die den geistigen Strom, der von den Engeln kommt, aufgenommen hat und damit im Innern der Hütte zur Geltung bringt.

Die linke Bildhälfte, auch die linke Seite des Hütteninnenraumes, ist «offener» als die rechte. Das zeigt sich äuBerlich an der dünneren linken Hüttenwand, vor allem aber an den Stäben Josephs und der Hirten. Joseph ist durch die Stellung seines Stabes gegenüber der Krippe und dem Christus-Kind abgeschirmt; sein Blick geht über den Stab hinweg und, ähnlich wie bei Maria, nicht auf das Christus-Kind selbst, sondern auf die Laterne. In gleicher Weise sind die beiden linken Hirten durch ihre Stäbe gegenüber dem Geschehen abgegrenzt, das vor ihnen liegt. Die Stäbe stellen sowohl bei Joseph als auch bei den Hirten einen verstärkten Erdkontakt her, über den alle drei gleichsam hinwegsehen: auf das geistige Geschehen im Engel (die Hirten) bzw. auf das Lichtgeschehen der Laterne (Joseph). – Gegenüber der Abgrenzung zur Krippe hin, die in der Stabhaltung Josephs erscheint, nimmt die Armstellung Marias die Form der Krippe regelrecht auf und führt sie in die Gestalt Marias hinein fort. Im Bereich Marias besteht eine innige Verbindung und Nähe zwischen der Krippe, dem Licht der Laterne und Maria selbst; alle drei Bildmotive sind durch die unterschiedlichen Lichtauren verbunden. Aber weder Maria noch Joseph scheinen von den Engeln über dem Haus Kenntnis zu nehmen. Maria und Joseph sind auf den inneren Lichtesschein der Laterne bezogen, die Hirten auf das geistige Geschehen im Außenraum, das mit den Engeln verbunden ist. Man kann den Eindruck gewinnen, dass über die Engel eine Verbindung des Wahrnehmungsfeldes der Hirten in das Innere der Hütte hinein besteht, während Maria und Joseph ganz im Innenraum bleiben, von dem äußeren Bildgeschehen nichts «wissen».

Die Engel haben die Hirten zu Christus geleitet; nun nehmen die Hirten das Christus-Licht durch die Engel wahr. Die beiden Engelgestalten befinden sich zwischen Himmel und Erde, sie gehören nicht eindeutig wie der Stern dem kosmischen Bereich an. Sie sind dem Dach, dem Haus und damit dem irdischen Geschehen sehr nahe, lenken den Geistesstrom auf der Erde. Das Bild enthält eine Außen-wahrnehmung des Inneren (Hirten), aber keine Innenwahrnehmung des Äußeren (Joseph und Maria). – Selbstverständlich darf eine solche Darstellung eines Kindes nicht überbewertet werden. Aber es kommt in ihr doch ein bestimmtes Erleben mehr oder weniger instinktiv zum Ausdruck. Joseph und Maria sind mit dem Christus-Kind abgeschirmt: gegenüber der geistigen Welt oberhalb des Hauses, aber auch gegenüber dem Äußeren, das die Hirten repräsentieren. Christus ist jetzt auf der Erde. Nur in dem tiefherabhängenden Licht der Laterne ragt etwas «von oben» in das innere Geschehen herein. Die Verbindung zwischen innen und außen wird von den Hirten gesucht, von den Engeln hergestellt. Der alte geistige Kosmos, der in der Sternenwelt geronnen ist und auf dem Kinderbild in dem Fünfstern erscheint, hat dabei eine gewisse Spiegelungs und Leitungsfunktion.

Die Engel vermitteln zwischen dem Außenraum und dem inneren Geschehen, aber nur wenn die Hirten den Engeln folgen und diese Innerlichkeit suchen. Das Kind, das das Bild gemalt hat, kritisierte an der eigenen Darstellung, dass die Hirten zu klein ausgefallen seien. Sie hätten mindestens

die Größe von Joseph und Maria und den Engeln erhalten sollen: Das Kind hätte also die Bedeutung der Hirten gegenüber den anderen Gestalten noch hervorgehoben. Es ist kein Zufall, dass die Hirten sich von der rechten Seite, also von der Seite Josephs, der Hütte nähern, dass sie durch den Stab ihre Beziehung zu ihm zeigen; sie hätten nicht von der Seite Marias herkommen können, denn Joseph stellt den Innenaspekt des «äußeren» Hirten dar. Dieses Äußere dringt durch die Engel zu einer inneren Realität vor, zu der Innerlichkeit, die durch Christus wirklich wird. In diesem Innenraum scheint kein äußeres Licht; der Stern bleibt draußen, auch die Engel kommen nicht hinein. Was den Innenraum erhellt, ist ein vom Menschen hervorgebrachtes, kein natürliches oder unmittelbar geistiges Licht. Dass es im Innern scheint und den Innenraum erhellt, darum haben sich Joseph und Maria zuvor kümmern müssen. So können die Hirten auf ein Inneres treffen, das für sich bleibt, das nicht mehr vom alten kosmisch-geistigen Licht durchzogen ist, aber trotzdem nicht im Dunkeln bleibt, sondern von Laternen erhellt wird.

Der Engel weist heute den Menschen auf dessen eigenen geistigen Innenraum, er kann ihn nicht in eine geistige Welt geleiten und ihn dort festhalten. Der Mensch sucht in der geistigen Welt seinen eigenen geistigen Innenraum; dies ist Kennzeichen einer erwachenden Ich-Beziehung zum Geist. Die Hirten treffen gleichsam im Innern sich selbst als Joseph an; dieser aber steht in Beziehung zu Maria, bleibt also nicht bei sich selbst. Und die Beziehung zu Maria bringt mit der geistigen Welt das Christus-Kind hervor, ein Geschehen, das aber seinerseits vom menschlichen Eigenlicht, von der «künstlichen» Laterne erhellt werden muss; andernfalls wird es nicht bemerkt oder kann zumindest vom Menschen nicht deutlich wahrgenommen werden. Das vom Menschen selbst hervorgebrachte Licht erhellt das Innengeschehen, während die Engel den geistigen Blick, das Suchen der Menschen lediglich noch lenken.