21. Februar 2022

DIE KUNST WIRD DIE ICH-FORM DER WIRKLICHKEIT


FARBE UND FORM

Wolf-Ulrich Klünker

Überarbeitete Nachschrift eines frei gehaltenen Vortrags anlässlich eines Kolloquiums zur Farbe in der Delos-Forschungsstelle (Mai 2014)

 

Mit Überlegungen zu neuen Empfindungsräumen in den vergangenen Jahren stellte sich zunehmend die Frage nach der Bedeutung der Farbe im ästhetischen Erleben. Die Farbe bezeichnet die Grenze zwischen Bewusstsein und Materie, also den Übergang von der Empfindung zur Substanz. Aber gleichzeitig wird sie verortet in der Materie oder als Materie, meistens bekanntlich als Oberflächenphänomen. In der 17. Klassenstunde hat Rudolf Steiner 1924 eine neue Substanzbildung angedeutet, die in einem bestimmten Farbgeschehen zu bemerken ist. Die Farbe erscheint dort als Lebensfolge des Denkens und dabei als Empfindung und Substanz zugleich. Damit wird die Farbe zu einem geisteswissenschaftlichen Forschungsgebiet, das weit über den künstlerischen Raum hinaus menschenkundlich bedeutsam ist. Man kann spüren, dass in der Zukunft die Ich-Entwicklung einen entscheidenden Faktor für die substantielle Wirkung der Farbe bildet. Ich werde später darauf zurückkommen.

 

Entwicklungsstufen

 

Für mich war ein zweiter Ansatzpunkt eine Entdeckung vor etwa zwei bis drei Jahren, als ich mich noch einmal mit der Naturentwicklung bei Johannes Scotus Eriugena im 9. Jahrhundert beschäftigt habe. Er hat ein zweibändiges mit dem Titel „Einteilung der Natur“ (De divisione naturae) verfasst, in dem am Ende ein gewisser Ausblick gegeben wird. Eriugena kommt auf eine Zukunftsperspektive zu sprechen in der „Einteilung der Natur“, die sich dabei als Offenlegung einer Weltentwicklung darstellt.1) Der Autor unternimmt den Versuch, das menschliche Bewusstsein in eine adaequatio (Entsprechung) zu dieser Weltentwicklung zu bringen, zunächst aus platonischer Sicht. Dann kündigt er bestimmte Verwandlungsstufen an. Eriugena sagt jetzt eher aristotelisch: Es wird eine Entwicklung kommen, in der sich das Physische in Ätherisches verwandelt. Physisches geht über in Ätherisches; das bedeutet dort wohl sehr konkret: Mineralisches wird Lebensprozess. Mir ist wichtig zu betonen, dass hier zwar von einer aufsteigenden Entwicklung gesprochen wird. Aber man muss auch gleichsam nach unten mitdenken, wodurch der Vorgang komplizierter wird – dass der Prozess zugleich auch eine absteigende Entwicklung bedeutet. Das Physische wird ätherisiert und bewegt sich dabei gewissermaßen nach oben; aber das bedeutet gleichzeitig, dass das Ätherische nach unten hin auch zu der physischen Lebensgrundlage wird.

 

Die zweite Stufe besteht für Eriugena darin, dass das Ätherische, also der Lebensprozess zu sensus wird, zum sensiblen Prozess, zu Wahrnehmung und Empfindung. Die ätherische Ebene wird damit astral. Das hat auch wieder die Doppelbewegung, indem der Lebensprozess einerseits in sich selbst sensibel und empfindend wird, also zu dem, was die astralische Ebene ausmacht. Aber man muss andererseits mitdenken, dass die sensible Ebene damit auch Lebensprozess wird. Das heißt, der Empfindungsprozess wird ätherisch relevant, wird lebensrelevant. Wenn man die Entwicklung von unten nach oben denkt, kann man sagen, der Elementarbereich wird sensibel. Aber es ist komplizierter.

 

Denn wenn es vorhin hieß, dass die physische Basis ätherisch wird, kommt man bereits in merkwürdige Bereiche: alles, was ist, ist dann Lebensprozess und kann nur als solcher weiter materielle Grundlage sein. Und umgekehrt, wenn man sagt, dass das Ätherische diese Basis wird, muss eine Art materieller Substanz in das Ätherische einziehen. Ähnlich verhält es sich jetzt in der Beziehung vom Zweidimensionalen und Dreidimensionalen. Wenn das Ätherische astral wird, wäre im Grunde eine Vertiefungsebene erreicht, eine dritte Dimension im Ätherischen. Die vertiefende dritte Dimension liegt nämlich immer in der Verinnerlichung durch Empfindung und Wahrnehmung. In der natürlichen Entwicklung kommt diese Verinnerlichung in dem Übergang von der Pflanze zum Tier zustande; so entsteht eine dritte Dimension. Das Tier kann sich von der umgebenden Natur abgrenzen und das empfindende Innenleben entfalten. Die Pflanze dagegen ist Ausdruck der Umgebung, muss auch im Formprozess auf die Umgebung reagieren, denn sie kann sich nicht bewegen. Das Tier kann sich bewegen; zu der empfindenden Ebene gehören immer die Ortsbewegung und die damit mögliche Abgrenzung dazu. Die Ortsbewegung, die ja in alle Richtungen zielt, und die Empfindung bilden die vertiefende dritte Dimension im Astralen.

 

In den Klassenstunden Rudolf Steiners erscheint wiederholt die schöne Formulierung, dass die Tiere die Wesen sind, die sich „am eigenen Dasein freudig wärmen“2) (oder es zumindest versuchen). Darin liegt Verinnerlichung und Empfindung. Es hätte wenig Sinn, von einer Blume zu sagen, dass sie sich am eigenen Dasein freudig wärmen will. Sie kann es höchstens scheinbar tun, wenn sie vom Menschen seelisch aufgefasst wird. Aber die Blume selber hat weder die Intention noch die Möglichkeit dazu, sich am eigenen Dasein freudig zu wärmen. Das Tier verfolgt diese Intention immer. Und mit dem Tier letztlich auch alle Wesen, die seelisch-geistig „danach“ kommen und ein Selbstgefühl ausbilden. Diese dritte Dimension hat immer mit der Verinnerlichung und parallel mit der Fähigkeit zur Ortsbewegung zu tun. Denn die Wesen, die ein solches seelisches Innensein ausbilden, können auch laufen, fliegen, schwimmen oder sich in einer anderen Weise fortbewegen.

 

Der Entwicklungsschritt, den Johannes Scotus Eriugena beschreibt, bedeutet nun, dass die ätherische Substanz und damit die Elementarwelt empfindend wird. Das ist eine gewaltige Perspektive, die muss man erst einmal nachvollziehen muss. Und umgekehrt bedeutet dieser Schritt, dass Empfindung und Wahrnehmung elementarwirksam werden. Das heißt aber, die Empfindung ist nicht mehr nur innen und ist nicht mehr mondenhaft das Abbild von etwas außerhalb ihrer selbst. Sondern wie ich empfinde, greift in den Lebensprozess und das Sein ein. Ich kann nicht mehr einfach davon ausgehen, es ist eine Welt da, und die nehme ich wahr; oder es ist etwas da, das ich erlebe ich, und das, was ich „subjektiv“ erlebe, ist was völlig anderes als der „objektive“ Gegenstand des Erlebens. Das Objekt ist dann nicht unabhängig von meinem Erleben. Der Erlebnisprozess, das Sensible von der Wahrnehmung bis zur Empfindung, hat selber Lebens- und Seinsfolgen. Systematisch formuliert : der sensus-Prozess wird ätherisch, das ist die zweite Stufe.

 

Die dritte Stufe besteht für Eriugena darin, dass intellectus zu sensus wird. Wir vollziehen eine Erkenntnis im Denken (das heißt  intellectus in dieser Tradition), die in sich selbst Empfindungsprozess wird. Und umgekehrt: der Empfindungsprozess, der ganze sensus-Bereich, der von der Wahrnehmung über die Empfindung bis zum Selbstgefühl reicht, ist nicht mehr unabhängig vom intellectus, vom Denken. Es ist also wieder eine Doppelbewegung zu vollziehen: dass der intellectus-Bereich zu einer Empfindung wird, aus einer ersten Stufe etwa als Wahrheitsgefühl, ohne dass der intellectus aufgehoben wird; und umgekehrt, dass der sensus-Bereich, der ja jetzt ätherisch durchdrungen ist, wenn man den ganzen Zusammenhang konsequent denkt, Erkenntnis- und Denkcharakter erhält. Die ätherisch durchdrungene Empfindung und die ätherisch durchdrungene Wahrnehmung werden intellectus-fähig. Nur nebenbei soll hier erwähnt werden, dass es sich dabei geisteswissenschaftlich betrachtet um einen entscheidenden Schritt der Geistselbst-Bildung handelt. Der Erkenntnisprozess wird Lebensprozess, wenn er mit der sensus-Seite in das Ätherische einwirkt, und der Lebensprozess wird gleichzeitig für diese Einwirkung des Menschen sensibel (weil er vorher mit der sensus-Ebene verbunden wurde). Damit werden Seelen- und Lebensprozesse von der geistigen Selbstaktivierung des Ich abhängig – auf einen solchen Entwicklungsschritt sollte der Geistselbst-Begriff  Rudolf Steiners hinweisen.

 

Menschenkundliche Konsequenzen; Farbe und Form

 

Es kommt in darauf an, diese Zukunftsvision des 9. Jahrhunderts so zu verstehen, dass sie einen Begriffszusammenhang für die Ich-Situation der Gegenwart anbietet – und zwar gerade für Entwicklungssituationen, die die moderne Anthropologie und Psychologie nur schwer erreichen. Das wäre ein Verständnis ohne „Deutung“: Erlebnisstufen heutiger Ich-Situationen eröffnen den Blick auf das damals begrifflich Gefasste, das seinerseits gegenwärtig neue Erlebnisschichten beleuchten und erläutern kann. Ein solches Vorgehen soll im folgenden für den kleinen menschenkundlichen Nebenbereich des  Farberlebens versucht werden. Den Ausgangspunkt bildet dabei das geschilderte Verhältnis von intellectus- und sensus-Prozess.

 

Die Form ist grundsätzlich ein gedachter Zusammenhang. Die Form ist nicht sichtbar. Das wird schon an kleinen Kontexten deutlich. Wenn ich hier auf dieses Fenster schaue, so zeigt sich die Form abhängig davon, wie ich begriffsgeleitet auf das Gebilde blicke, wie ich also im Denken Bezüge herstelle. Wenn ich oben die grünen Eisglasscheiben für sich nehme, so formt sich für die Wahrnehmung eine ganz andere Situation, als wenn ich die grünen Einzelscheiben im Gesamtkontext des komplexen Fensters betrachte. Man kann zwar sagen, das „sehe“ ich doch auch; aber es kommt ganz darauf an, was ich gerade gedanklich fokussiere. Das ist in anderen Verhältnissen, die weniger vordergründig sind, noch viel stärker der Fall. Letztlich kann keine Wahrnehmung, die nicht gedacht wird, als Form identifiziert werden.

 

Blickt man noch einmal auf die zweite Stufe Eriugenas, so erreicht man im Empfinden den Farbbereich, der viel mehr umfasst als die Farbe, die sinnlich erscheint; alle Empfindungen und Wahrnehmungen liegen in dieser Farbaura. Wenn der sensus-Prozess die ätherische Ebene berührt, wird die Farbe Leben. Die Form, der intellectus wird sensus, und die Farbe wird schließlich Bestandteil des Lebensprozesses. Dieser Zusammenhang ist heute potentiell gegeben und hängt davon ab, ob die gesamte Abfolge Ausdruck eines Ich-Prozesses wird, der vom intellectus ausgeht. Das ist das Neue. Man kann natürlich auch weiterschlafen im Sinne der gängigen Sichtweise und sagen: Ich sehe die Form; die Farbe ist draußen; was ich erlebe ist etwas anderes als die Farbe draußen am Objekt. Dann wird der von Eriugena prognostizierte Zusammenhang nicht virulent, bzw. dann wird er in problematischer Weise virulent, als Verfestigung anderer Prozesse, die vom Ich ausgehen. Das heißt, das Gesagte gilt nur, wenn ich vom Standpunkt der geistigen Selbstaktivierung des Ich her an diese Prozesse herankomme. Wenn ich nicht an sie herankomme, dann entstehen ganz andere Wirkungen, die den scheinbar nur subjektiv erlebenden Menschen immer mehr von einer objektiven Wirklichkeit „an sich“ trennen. Der menschenkundliche Blick hat Seinskonsequenzen.

 

Die seelische und ätherische Resonanz des Denkens

 

Albertus Magnus schließt im 13. Jahrhundert indirekt an die Perspektive Eriugenas an.3) Jedes individuelle Denken (intellectus) wird bestimmt durch das Verhältnis vom Erkennbaren zum Gegenstand. Indem der intellectus erkennt, strahlt das Erkannte auf sensus, also Empfindung und Wahrnehmung sowie auf die imaginatio (!) des Menschen. Es geht also vom Objekt eine Wirkung aus, die geistig bestimmt ist, da sie als Form über das Denken entsteht; die intellectus-Wirkung strahlt aus auf Imagination, Wahrnehmung und Empfindung. Der Gegenstand bildet sich in der Wahrnehmung nicht einfach ab; ich sehe, erkenne und erlebe nicht ein subjektives Abbild der Wirklichkeit. Nach dem Tod besteht, so Albertus, eine direkte Beziehung: der intellectus bestimmt sich entsprechend seiner irdischen Vorbereitung durch seine Objektbeziehungen, die dann rein geistig geworden sind. Und während des Erdenlebens besteht das gleiche Verhältnis, nur dass sensus und imaginatio dazwischengeschaltet sind.

 

Ein solcher Ansatz führt nicht in eine Trennung von Erleben und Wahrnehmung, durch die man geneigt wäre zu denken: die Wahrnehmung ist noch einigermaßen objektiv; aber was Du im Erleben und Denken daraus machst, ist völlig subjektiv. Bei Albertus besteht demgegenüber eine intellectus-Beziehung zum Weltobjekt, und diese intellectus-Beziehung des Erkennbaren strahlt auf imaginatio und auf sensus. Die Einstrahlung auf die imaginatio beinhaltet die ätherische Wirklichkeit und den Lebensprozess; und wenn die Einstrahlung des intellectus auf den sensus geht, dann erreicht sie „objektiv“ den Erlebensprozess. Die sensus-Wirkung und das sensus-Erleben sind hier abhängig von dem im Denken durch den intellectus vermittelten Objektbezug. Da haben wir die Formwirkung in den Wahrnehmungsbereich (sensus) hinein, und damit auch auf die Farbe. Die zweite Wirkung, die auf die imaginatio, ist immer eine Zusammenhangsbildung, die als Lebenszusammenhang die Form des Gegenstands mit dem Leben des Denkenden verbindet.

 

In einer weiteren Aussage des Albertus wird deutlicher, welche Beziehung zwischen dem intellectus als dem Ich-Träger und dem Gegenstand besteht. Da sagt er: Das Licht des tätigen intellectus besitzt eine solche Gemeinsamkeit mit den Formen der Dinge, wie sie das körperliche Licht mit den Farben hat. Wir haben im Lichtbereich durch das Denken eine Beziehung zur Form, und dieser Beziehung zur Form im Denken entspricht in der sichtbaren Welt das Licht in den Farben. Da liegt in wenigen Worten gleichsam aller Rätsel Lösung. Anschließend erläutert Albertus noch weiter: Die Farben sind gewissermaßen inkorporierte Lichter. Und ähnlich sind die Formen der Dinge Lichter des tätigen intellectus; das heißt, ich finde in den Formen der Dinge den potentiellen Denkzusammenhang, die potentielle Erkenntnis. In den Formen der Gegenstände besteht nichts anderes als das, was erkennbar ist, also intellectus, und das ist Licht. Sobald es erkannt ist, ist es Licht, wenn es nicht erkannt ist, ist es Form der Dinge. Es besteht zwischen Form und denkendem Ich-Prozess die Beziehung, dass in der Form des Objektes steckt, was als Erkenntnislicht potentiell gegeben ist und im Denken realisiert werden kann.

 

Nun die Beziehung zur Farbe: Die Farben sind inkorporierte Lichter. Das heißt, die Beziehung, die ich im Denken zur erkennbaren Form habe, spiegelt sich in den Farben der Dinge wieder. Die Lichtbeziehung zur Sache, die in der Form steckt, ist nicht inkorporiert; sie ist geistig. Dieselbe Beziehung besteht aber auch inkorporiert, und zwar in den Farben der Dinge. Hier wird ein klares Verhältnis von Form und Farbe ausgesprochen, aus einer bestimmten Anschauung des Lichtes heraus. Da steht, völlig naiv und jenseits aller Theorie, die man je gedacht hat, dass eine Beziehung besteht, oder sogar eine substantielle Entsprechung zwischen Form und Farbe. Und die Beziehung oder Entsprechung lautet: die vom Ich erkannte Form ist Licht, das im Gegenstand inkorporierte Licht ist Farbe. Das heißt, ich treffe in der Farbe am Objekt, oder besser: ich treffe im Farberleben im sensus-Bereich an, was als Formprozess in der Erkenntnis steckt. Insofern sind die Farben inkorporierte Lichter, während die erkannte Form das nichtinkorporierte oder geistige Licht ist. Es besteht eine Erkenntnisbeziehung, die Lichtcharakteristik besitzt, und es besteht ein sensus-Prozess, zu dem die Farben gehören, die an den Dingen erlebt werden.

 

Eine große geisteswissenschaftliche Forschungsaufgabe liegt darin, diesen Ansatz menschenkundlich auszuarbeiten. Dann ließe sich zeigen, dass Mensch und Welt, Geistiges und Sinnliches nicht mehr zu trennen sind. Albertus Magnus hat ähnlich wie Johannes Scotus Eriugena in eine Entwicklungszukunft des Ich hinein gesprochen. Was sich daraus ergibt, müsste manche Wahrnehmungstheorie infrage stellen und würde wohl auch den Goetheanismus neu bestimmen. Selbstverständlich verwenden Albertus und Eriugena zeitbedingt noch eine gewisse formale Argumentation. Aber diese kann für uns in Verbindung mit der Anthroposophie zu einem neuen Ausgangspunkt werden, weil der Ich-Prozess entwicklungsgeschichtlich dafür reif geworden ist; was damals „theoretisch“ erfasst wurde, ist heute lebensbezogen und existentiell möglich geworden.

 

Die Farbresonanz des Denkens

 

In der 17. Klassenstunde spricht Rudolf Steiner 1924 über die Entstehung der Farben im Regenbogen. Inhaltlich kann die Darstellung recht einfach wiedergegeben werden: Die dritte Hierarchie nimmt das Denken des Menschen auf; sie „veratmet“ es, und in der Veratmung und der Weitergabe an die zweite Hierarchie vollzieht sich ein zarter erster Substanzprozess, in dem die Farben des Regenbogens entstehen. Das Motiv lautet: Die Farben des Regenbogens, von der „jenseitigen Warte“ als „Weltenschale“ geschaut, sind die Veratmungswirkung des menschlichen Denkens. In diesem imaginativen Bild ist sehr viel enthalten, irdisch-überirdisch, sinnlich und übersinnlich, situativ und mehr als situativ. Die jenseitige Betrachtungsposition wird erreicht, wenn die „lichterschaffene Kraft“ der Augen den „Ätherfarbenbogen“ durchdringt. Das ist der Übergang von den sichtbaren Farben, die die Augen als Sinnesorgane sehen können, zu der Kraft der Farben im Licht, die nur durch die Kraft der Augen empfunden werden kann. Dieser Schwellenübergang ist notwendig und lässt die Farbentstehung als eine Wirkung des Denkens im wahrsten Sinne des Wortes „erscheinen“, durch die Kraft und Vermittlung der dritten Hierarchie – auch bildhaft ein hochinteressanter Übergang, nicht weit entfernt von den Perspektiven bei Eriugena und Albertus: die Entstehung des übersinnlich-sinnlichen Farbraumes als Wirkung des Denkens.

 

In der Klassenstunde wird, ähnlich wie in der Darstellung Eriugenas, von der Substanz einer Zukunftswelt gesprochen. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Substanz in dem Farbprozess entsteht. Die Farben sind abhängig vom Denken des Menschen, und damit allerelementarste Substanzbildung, die Bildung von neuer Substanz, die aus der „Veratmung“ des Denkens entsteht. Der Begriff der Veratmung des Denkens bringt hier einen entscheidenden neuen Begriff zur Geltung. Die Veratmung zielt auf Verinnerlichung im seelischen Lebensprozess. Welche Art des Denkens kann von geistigen Wesen veratmet werden? An welchen Gedanken würden sie ersticken? Veratmen wir als Menschen unser Denken nicht längst selbst, mit allen seelischen und Lebensfolgen? Hier deutet sich ein neuer Luftseelen-Prozess an: wenn das Erleben durch das Denken hindurch Form und Farbe berührt; wenn die Farbe auf der Grenze von Empfindung und Objektrealität und als Beginn einer neuen Substanzbildung empfunden werden kann. Mit dieser Empfindung der Farbe wird ansatzweise die Grenze des michaelischen Lichtseelen-Prozesses überschritten, der doch im letzten formbezogen bleibt. In der Veratmung des Denkens entsteht eine neue Welt, deren erste feinste Substanz die empfundene Farbe ist. Der zugrundeliegende Formprozess wird im Denken vom Ich getragen.

 

Die Ich-Form der Wirklichkeit

 

Damit ist „Kunst“ nicht mehr ästhetisch definiert, sondern sie wird zentrales Element einer Menschenkunde des Ich und steht für eine zunehmende Ich-Förmigkeit der „objektiven“ Welt. Die alten Begriffe techné (griech.) und ars (lat.) bezeichneten noch eine Einheit von Kunst, Handwerk und Fertigkeit. In der christlichen Überlieferung konnte Christus, der Logos, auch ars dei, die in dem umfassenden Sinne „Kunst“ des Vatergottes genannt werden: die Zukunft einer Sohneswelt, in der Wesen und Erscheinung, Gott und Mensch, Himmel und Erde eines werden. Wird diese Zukunft als eine sich entwickelnde Wirklichkeit verstanden, so bildet das menschliche Ich einen entscheidenden Durchgangspunkt der Entwicklung. Im Ich kann die Einheit von Bewusstsein und Sein, von Empfinden und Substanz entstehen, die die neue Sohneswelt von der alten Vaterwelt unterscheidet. Diese Einheit wurde für lange Epochen der Menschheitsgeschichte in dem Sonderbereich der Kunst erlebt, in dem Begriff und Substanz eine zunächst ästhetische Einheit bilden konnten.

 

Ein solches Erleben scheint sich nun auf die Realität schlechthin ausdehnen zu können; Kunst wird zur Ich-Form der Wirklichkeit, wenn sich die individuelle Neuschöpfung als Voraussetzung von Wahrheit und Wirklichkeit zeigt. „Nur das ist ein geschichtlicher Act, der auf irgendeine Weise ein Mehr, ein neues Element in die Welt einführt, aus dem sich eine neue Geschichte erzeugt und fortspinnt.“5) Diese Formulierung stammt von Karl Friedrich Schinkel, dem großen Architekten und Künstler des 19. Jahrhunderts, der gerade aus seiner persönlichen Integration von Kunst und Technik heraus spürte, das zukünftige Wirklichkeit durch Erkenntnis und Empfindung des Ich hindurchgehen muss. Schinkel ahnte auch, dass das Leben des Ich wie der Welt in dem Berührungspunkt von (gestaltender) Subjektivität und (gestalteter) Objektivität liegen könnte: „Überall ist man nur da wahrhaft lebendig, wo man Neues schafft.“4) Hier kommen Ich und Zukunftswelt sehr nahe zusammen; in dieser Perspektive kann der umfassende künstlerische Prozess keinen sozialen Spezialbereich mehr bilden, sondern er wird zur Lebenshaltung. Leben ist nicht mehr einfach gegeben; es entsteht vielmehr aus einer solchen Lebenshaltung immer wieder neu: zunächst für das menschliche Ich, dann aber auch für die gesamte Wirklichkeit der Welt.

 

Der Christus des Johannes-Evangeliums formuliert: „Die Welt sieht mich nicht; ihr aber seht mich, weil ich lebe und ihr leben werdet.“5) Zur Ich-Form der Wirklichkeit gehört auch, dass das Leben immer mehr vom „Sehen“ abhängt; leben kann nur, was selbst „sieht“ und „gesehen“ wird, was also bemerkt, empfindet, wahrnimmt, erkennt und seinerseits bemerkt, empfunden, wahrgenommen und erkannt wird. Andererseits kann nur „gesehen“ werden, was lebt – das Nichtlebendige ist immer weniger erkennbar, empfindbar und bewusstseinsfähig. Und umgekehrt: der Nichtlebendige kann immer weniger „sehen“; nur wer lebt, „sieht“ auch. Sehen und Leben sind gegenseitig zunehmend aufeinander angewiesen; Sensibilität und Lebensfähigkeit gehören zusammen. Sensus im Sinne Eriugenas und der Lebensprozess, astrale und ätherische Wirklichkeit sind nicht mehr zu trennen.

 

Damit zeigt sich die neue Welt aus der Ich-Form als Organismus. Denn ein Organismus ist durch die Beziehung von Lebendigkeit und Sensibilität gekennzeichnet: der Lebensprozess des Organismus kann sich nur vollziehen, wenn die einzelnen Organe in ihren jeweiligen Funktionen wechselseitig füreinander sensibel sind. Sensibilität und Leben bzw. Funktion des  Organismus sind voneinander abhängig. Der Organismus erkrankt, wenn sich in einem oder mehreren Organen der Lebensprozess bzw. die Funktion unsensibel verselbständigen und die anderen Organe nicht mehr empfinden. Aber zur Krankheit führt auch, wenn Organe übersensibel werden und sich dadurch dem Lebenszusammenhang entziehen. „Sehen“ bildet nicht mehr nur eine gegebene Wirklichkeit ab, sondern wird zur Bedingung und Kraft der neuen lebendigen Wirklichkeit; lebendige Wirklichkeit realisiert sich nicht mehr als bewusstseinsferne Funktion, sondern nur auf der Grundlage von empfindender oder erkennender Bezeugung. Die neue Wirklichkeit setzt eine solche Bezeugung als Miterlebtwerden voraus, und das Miterleben wird zur verlebendigenden und seinsbildenden Kraft.

 

Johannes Scotus Eriugena sah eine Zeit voraus, in der das gegebene Sein nur als lebendige, empfundene und erkannte Realität zukunftsfähig wird; Albertus Magnus konnte sich 500 Jahre später in seinem Denken der Seinsbeziehung von Mensch und Welt nähern, indem er das Licht der Erkenntnis und des Denkens als Formkraft in den Dingen und die sichtbaren Farben als Empfindung dieser Formkraft beschrieb. Rudolf Steiner konkretisierte nach weiteren fast 700 Jahren die Farbentstehung und damit einen ersten subtilen Substanzprozess als Lebensfolge der Verinnerlichung des Denkens. Das 21. Jahrhundert steht vor der Aufgabe, eine Anthropologie, die den Menschen bestenfalls als Spiegel der Wirklichkeit begreifen kann, in eine Menschenkunde des Ich zu verwandeln. Darin könnte sich die Welt geisteswissenschaftlich immer mehr als Lebens- und Empfindungsfolge menschlichen Denkens, und der Mensch könnte sich als der „Künstler“ zeigen, der diese Ich-Form in die Wirklichkeit trägt.

Anmerkungen: 

  1. Die folgende Darstellung bezieht sich auf das letzte Kapitel des zweiten Buches „Über die Einteilung der Natur“. Auf wörtliche Zitate habe ich verzichtet, weil die einzige deutsche Übersetzung (von L. Noack aus den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts) in mancher Hinsicht unzuverlässig ist. Verfügbar sind lateinische Ausgaben des 19. und des 20. Jahrhunderts (H.J. Floss und J.P. Sheldon-Williams). – Vgl. auch: W.-U. Klünker: Johannes Scotus Eriugena. Denken im Gespräch mit dem Engel. Stuttgart 1988.
  2. Aus der sog. ersten Tafel der Freien Hochschule. Vgl. R. Steiner: Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. 4 Bde. Dornach 1992.
  3. Zum folgenden vgl. Albert der Große: Liber de natura et origine animae. Über die Natur und den Ursprung der Seele. Lateinisch – deutsch. Übersetzt und eingeleitet von H. Anzulewicz. Freiburg i.B. 2006 (insb. die Abschnitte über die nachtodliche Existenz der Seele). Und: Alberti Magni De unitate intellectus. Ed. A. Hufnagel (Opera omnia t. XVII, p. I). Münster i.W. 1975. Der Verfasser bereitet im Rahmen eines von der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland geförderten Forschungsprojektes zu Albertus Magnus eine deutsche Ausgabe dieser Schrift vor.
  4. Die 17. Klassenstunde findet sich im zweiten Band der in Anm. 2 genannten Ausgabe.
  5. Karl Friedrich Schinkel: Formulierung aus einer Handschrift. In: Ders.: Das Architektonische Lehrbuch. Hrsg. von G. Peschken. München/Berlin 2001, S. 149.
  6. : Geschichte und Poesie. Hrsg. von H.-Th. Schulze-Altcappenberg u.a. München 2012, S. 10.
  7. Johannes 14, 19.