28. September 2022

Die Empfindung des Schicksals


Wolf-Ulrich Klünker liest und erläutert sein Buch „Die Empfindung des Schicksals“, das inzwischen in zweiter Auflage erschienen ist.

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Lochkamera Bild von Ramona Rehn: Wolf-Ulrich Klünker bei der Lesung in der DELOS Forschungsstelle

Im Juli 2011 erschien folgende Rezension zum Buch ‚Die Empfindung des Schicksals‘ von Roland Wiese in der Wochenschrift ‚Das Goetheanum‘ (Nr.32-33)

Anthroposophie als gegenwärtige Entwicklungsfrage

Eine Standortbestimmung mit Hilfe des Buches ‚Die Empfindung des Schicksals‘ von Wolf-Ulrich Klünker

Anthroposophie steht als Geisteswissenschaft vor der entscheidenden Frage wie sich ihre eigene Entwicklung vollziehen kann. Denn sie ist ja wie alle echte Geisteswissenschaft als Erkenntnisweg angelegt und nicht als ein feststehender Inhalt. Und Erkenntnisweg kann nicht alleine bedeuten, die Auslegung und  Kommentierung der bestehenden Inhalte zu vollziehen. Es scheint auch nicht die Anwendung und Selbstanwendung dieser Inhalte als Entwicklung auszureichen. Es müsste eine reale geistige Weiterentwicklung möglich sein, damit die Menschen, die sich geisteswissenschaftlich entwickeln wollen nicht auf eine Anthroposophie treffen, die diesen Entwicklungsbedürfnissen nicht entsprechen kann. Aber wie wäre eine solche geistige Entwicklung überhaupt zu denken?

G. W. F. Hegel hat in seinen Vorlesungen über Philosophiegeschichte die Entwicklung des Geistes als Motiv durch alle Einzelerscheinungen hindurch verfolgt. Dabei ist ihm als grundlegendes Prinzip geistiger Entwicklung klar geworden, dass diese sich nicht von allein vollzieht, sondern der  Geist sich nur am Geist, ja sogar gegen den Geist entwickelt. Die geistige Entwicklung vollzieht sich nicht naturhaft, sondern muss aktiv durch den Geist  vollzogen werden. Und Hegel findet ein altes geistiges Prinzip in jener Entwicklung  des Geistes wieder, die Tatsache, dass im Nachfolgenden das Vorherige vorhanden ist, aber als allgemeinere Form. Den Sinn geistiger Entwicklung sieht er darin, dass der Geist sich immer mehr bestimmt und vertieft. Erkenntnisweg bedeutet für Hegel die aktuelle Selbstbestimmung des Geistes  als Tätigkeit im allgemeinen Geist. Diese Selbstbestimmung ist aber nur möglich, wenn der Geist  sich nicht in seiner vorherigen allgemeineren Form  versucht zu finden, denn diese ist ja die Wurzel seines jetzigen Zustandes. Deshalb befriedigen ältere Philosophien nicht als Inhalt, wenn sie nicht geistig aktuell und damit historisch aufgefasst werden. Denn die allgemeine vorherige Form zeigt sich ja erst im Verhältnis zur bestimmteren nachfolgenden Form, indem diese sich an ihr bildet.

Die Anthroposophie hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts  geistige Entwicklung schon wesentlich individueller beschreiben und vollziehen können. Der menschliche Geist der Anthroposophie  vollzieht nicht nur eine geistige Entwicklung, sondern die geistige Entwicklung vertieft sich im Leibaufbau des nächsten Lebens. Radikal verkürzt kann man sagen, das aktuelle Denken des einen Lebens wird zur leiblichen Grundlage des Denkens (und damit wirklich zu seiner Wurzel) in einem nächsten Leben. Reinkarnation und Karma sind damit die eigentliche  Form geistiger Entwicklung. Das Subjekt des Denkens wird zur objektiven Grundlage des folgenden Subjektes. Geistige Selbstbestimmung wird bestimmter Leib und bestimmtes Leben. Die eigene geistige Weiterentwicklung muss sich an dieser ‚objektiv gewordenen Form‘ eigenen Geistesleben neu individualisieren. Dies kann nur an der Grenze des jetzt möglichen Denkens geschehen, denn diese ist auch die Grenze der eigenen Konstitution, und damit des bereits vollzogenen geistigen Tätig seins.

An dieser Denk- und Lebensschwelle hat sich Anthroposophie und die in ihr tätigen Menschen bis ans Ende des Jahrhunderts abgearbeitet. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts scheint eine weitere Vertiefung und Individualisierung in einem ganz konkreten nächsten Schritt möglich. Diese Entwicklungsmöglichkeit hat mehrere Voraussetzungen: Es müssen die ‚Lebensfolgen‘ der Anthroposophie sich erst einmal entwickelt haben. Und es müssen Menschen sich aus diesen Lebensfolgen wiederum geistig soweit emanzipiert haben, dass diese mit gedacht und bemerkt werden können als geistige Entwicklungsbausteine.  Es stellt sich nun die Frage: Wenn geistige Entwicklung  sich im Leben verkörpert hat, also Leben geworden ist, wie ist mit dieser Entwicklung für mich selbst und für die Anthroposophie umzugehen? Exemplarisch zeigt sich eine solche mögliche Entwicklung als Phänomen und Tatsache in drei grundlegenden Perspektiven, die Wolf-Ulrich Klünker in den letzten Jahren seit 2003 eröffnet hat.  In Die Erwartung der Engel, in Die Antwort der Seele und in Die Empfindung des Schicksals versucht er diese aktuelle Entwicklungssituation von Ich und Anthroposophie in den Blick zu nehmen. [1] Dabei steht er vor der nicht einfachen Aufgabe dieses neue Entwicklungsverhältnis zwischen Bewusstsein und Leben nicht nur inhaltlich zu verfolgen, sondern auch die entsprechenden Begriffsformen zu bilden, in denen diese Entwicklungsspannung sich ausdrücken und leben kann. Denn nur so würden der Kraftbereich (der Leben gewordenen Erkenntnis) bewusstseinsfähig und der Bewusstseinsbereich (des Bewusstsein gewordenen Lebens) kraftfähig werden können. Ein weiteres Motiv scheint direkt mit einer solchen existentiellen Vertiefung des Erkenntnisweges zusammen zu hängen: die Folgen der 30er und 40er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts für die Menschheitsentwicklung könnten in eine solche Erkenntnisform mit hineingenommen werden. Erst eine solche Integration würde auch eine gewisse Erlösung und Weiterführung dieser Entwicklungsfolgen bedeuten, im Gegensatz zu einer bloßen  Konservierung und  sich wiederholender seelischer Aufladung der Vergangenheit als Erinnerungskultur.

Der Titel des aktuellen Buches:  ‚Empfindung des Schicksals – Biographie und Karma im 21. Jahrhundert‘ deutet schon an in welcher Schicht des menschlichen Erkennens Bewusstsein und Kraft in eine Berührung kommen können. In vierzehn Kapiteln (und einem Anhang mit Zeugnissen) wird die Entwicklung von Empfindung und Selbstgefühl als Erkenntnis- und Gestaltungsorgan  des Schicksals nachvollziehbar beschrieben.  Ausgangspunkt für eine solche Unternehmung ist ein Bemerken, wie sich gegenwärtig die geistige Situation des Menschen angesichts der Nähe von Diesseits und Jenseits darstellt und darstellbar geworden ist.  Wolf-Ulrich Klünker weist darauf hin, dass eine solche Schwellennähe von Diesseits und Jenseits  mit dualistischen Erkenntnisarten eigentlich gar nicht zu erfassen ist. Die Berührungen von Wahrheit und Leben, von Bewusstsein und Sein erfordern eine viel innerlichere und intimere Beobachtungs-, aber auch Wirkungsart. Dies stellt natürlich auch die Frage wie in solchen Wirklichkeits- und Bewusstseinsverhältnissen das Verhältnis von geisteswissenschaftlichem Inhalt zu der entsprechenden Form zu denken ist. Es könnte sein, dass der geisteswissenschaftliche Inhalt eigentlich schon Teil des Lebens geworden ist – gewissermaßen das Ergebnis der Kraftausübung des Ich in seiner geistigen Tätigkeit. Er beschreibt insofern nicht eine geistig-seelische Wirklichkeit, er ist diese Wirklichkeit in der Form der Wahrnehmung. Für das Ich des Lesers, der sich diese Wirklichkeit wahrnehmend erarbeitet, kann die Dichte und Verwebungsart des Textes  zu einer Wirklichkeitsart werden, die zwar geistiger Natur ist, aber schon beinahe die Dichte der physischen Wirklichkeit erreicht. Es handelt sich natürlich ‚nur‘ um ätherische Realität, und diese ist vom verwirklichenden Ich des Lesers abhängig. Es könnte sich aber dauerhaft diese Wirklichkeitsart als die eigentlich schaffende Ursache von Realität erweisen, wenn zwischen Autor und Leser sich diese Zusammenhänge individuell neu verweben. Diese Sicht auf den ‚Inhalt‘ des Buches stützt auch die Darstellungsweise: Die Formulierungen berichten von einer Wirklichkeit (in früheren Zeiten hätte man gesagt, sie behaupten eine Wirklichkeit) die sie selbst erst herstellen. Alle begrifflichen Zusammenhänge stützen sich nicht auf eine Wirklichkeit außerhalb des Ich des Autors oder des Lesers ab.  Sie tragen sich in sich selbst. Dies betrifft die einzelnen Sätze ebenso, wie die Absätze oder Kapitel. Es handelt sich nicht mehr um ein lineares Erarbeiten von A nach B, sondern um ein horizontales Abschreiten der entsprechenden Beobachtungsbereiche des Ich. Die Sprache findet in diesem Schaffen eine neue Wirklichkeit als Lebensebene, jenseits der Sprachzweifel des 20. Jahrhunderts.

Für den gegenwärtigen Entwicklungspunkt der Anthroposophie und des Ich kann deshalb das Paradoxon formuliert werden: Die Anthroposophie ist die Voraussetzung der Anthroposophie, und diese die Ausgestaltung  der Anthroposophie im Ätherischen. Der Übergang von Bewusstseinsanthroposophie ins Leben ist natürlicherweise nicht abzugrenzen, und doch ist es nötig für den vollzogenen Übergang neue Bewusstseinsformen zu entwickeln.  Der Ich-Bezug zeigt sich dabei in einer gewissen Ohnmacht und Aussichtslosigkeit der Bewusstseinsanthroposophie, individuell, wie gesellschaftlich. Diese offene Aussichtslosigkeit erscheint merkwürdig verwandt der völligen Aussichtslosigkeit bestimmter Lebenssituationen des Ich in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Es war und ist völlig offen, ob aus bestimmten Grenzberührungen des Ich etwas positives Weiterführendes für die Welt werden wird oder nicht. Diese Situation am Abgrund des Ich und des Ich am Abgrund ist urbildlich immer noch als Existenzsituation des Ich anzusehen. Wobei die anthroposophische Bewusstseinsarbeit des Ich heute darin bestünde, sich selbst an den Grenzort seines Erkennens zu begeben und diesen zu bemerken, und gleichzeitig zu bemerken, dass diese Arbeit auch die Grenzen der eigenen Existenz beleuchtet.

In der Empfindung des Schicksals können im Selbstgefühl des Ich Bewusstsein und Leben in eine solche Berührung kommen, dass sich Entwicklungserkenntnis und Entwicklungsimpulse wechselseitig überkreuzen können. Sprich: Entwicklungserkenntnis kann Entwicklungsimpuls sein, und Entwicklungsimpuls wird zur Schicksalserkenntnis. Wolf-Ulrich Klünker findet diesen Überkreuzungspunkt im gegenwärtigen Augenblick der Ich-Präsenz, während er ihn für frühere Zeiten, und das meint auch noch die Anthroposophie zur Zeit Rudolf Steiners, in einer retrospektiven Perspektive sieht. Karma im 21.Jahhrundert ist keine Frage von Rückführung oder Rückschau, sondern geistesgegenwärtiges Stehen in der Überkreuzung von Bewusstsein und Leben. Vergangenheit und Zukunft können in diesem Überkreuzungspunkt aus dem Ich neu hervorgehen. Dieser Prozess kann sich dann auch in einer ersten Stufe bis in die Natur, die sozialen Verhältnisse hinein fortsetzen und so  eine  neue Wirklichkeit aus dem Ich eröffnen. Dass die gesamte ‚Kreatur‘ auf kleinste Impulse aus der Empfindung des Ich wartet kann angesichts der Situation der Gegenwart mitempfunden werden. Die mehr indirekte Wirksamkeit des Ich aus Ohnmacht und Aussichtslosigkeit zu bemerken erfordert die Situation des eigenen Ich in seiner Diskrepanz zwischen Bewusstsein und Sein als Ansatzpunkt in den Blick zu nehmen. Die Abhängigkeit der weiteren Entwicklung von jedem kleinsten Schritt des Ich zu akzeptieren, bedeutet auch Entwicklung nicht mehr von äußeren Maßnahmen zu erwarten oder an sie zu delegieren.  Von der ätherischen Wirklichkeit des Ich als Entwicklungsort von Welt und ich spricht die Empfindung des Schicksals.

[1] Dass diese Perspektiven bemerkt wurden, zeigt auch, dass ‚Die Erwartung der Engel‘ inzwischen in der dritten Auflage erscheint.