20. Oktober 2022

Angst und Selbsterkenntnis


Kann ein Umgang mit Angst gefunden werden, in dem sie als Kennzeichnung außerordentlicher Erfahrungen und somit als Einladung zur Selbsterkenntnis begriffen werden könnte?

Charline Fleischhauer

Angst ist etwas, von dem höchstwahrscheinlich nahezu jeder Mensch behaupten würde, sie zu kennen. Doch bei näherer Betrachtung des Phänomens fällt schnell auf, dass es sehr schwierig ist, sie sich konkret vor Augen zu führen. Es ist, als entzöge sie sich dem Bewusstsein. Aus diesem Grund ist das Ziel dieses Textes nicht eine Antwort auf die Frage Was ist Angst? zu finden, sondern das Erleben an der Angst näher zu beleuchten und zu beobachten. Dem Gefühl, dass der Angst eine bedeutsame Kraft innewohnen könnte, soll in dieser Arbeit Raum geboten werden. Aufgrund dieses Gefühls wird ebenfalls die Frage nach einem Umgang mit Angst gestellt, in dem sie nicht abgemindert, sondern wahrhaftig empfunden wird, sodass sie wirksam werden kann. Dafür wird sie nicht als der innere Feind verurteilt, vor dem es zu fliehen gilt, sondern das Wagnis eingegangen, ihr offen zu begegnen und das Stehenbleiben an dieser Stelle zu lernen. Es scheint, als rufe etwas in mir danach, mich dieser Aufgabe zu stellen – so intensiv spürbar, als bedeute die Ignorierung dieses Appells zugleich die Verleugnung meines wahrhaftigen Seins und dessen Entwicklung.

Zwei Arten von Angst

Als ich den Prozess begonnen habe, mich bewusst mit meiner Angst auseinanderzusetzen, begrenzte sich mein Angstbegriff auf eine einzige Art der Angst. Heute, beim Verfassen dieses Textes, scheint es nötig zu sein, zwei Arten von Angst getrennt voneinander zu behandeln. Die Unterschiede der beiden Ängste werden durch die Charakterisierung der einen Angst als zukunftshemmend und der anderen als zukunftsschaffend verdeutlicht.

Die zukunftshemmende Angst

Die zukunftshemmende Angst ist die, die zu Anfang alleinig meinen Begriff von Angst ausgefüllt hat. Diese Form der Angst hat mich unbewusst verkleidet im Mantel anderer Gefühle durch mein Leben hindurch begleitet – was sie auch weiterhin tut. Deshalb ist es mir ein Anliegen, mein Bewusstsein auf sie zu lenken, um sie demaskieren zu können. Gefühle, denen diese Art von Angst zugrunde liegt, könnten beispielsweise Gleichgültigkeit, Vertrauenslosigkeit ins eigene Handeln und dadurch entstehende Handlungsunfähigkeit, Entscheidungsunfähigkeit oder auch Mutlosigkeit und Einsamkeit sein. Jegliches Gefühl der eigenen Kraft und Verbundenheit zum Leben ist in diesem Angsterleben nicht spürbar. Die Fähigkeit, einen Sinn in der Welt, in der Angst oder im eigenen Selbst wahrnehmen zu können, ist außer Kraft gesetzt. Diese Angst ist in meinem Empfinden vor allem dadurch charakterisiert, dass ihre Ursache in der Vergangenheit liegt. Die Gegenwart ist wie überdeckt durch einen Nebel der Vergangenheit, als wäre mein Bewusstsein dort stehengeblieben, und alles, was sich ihm im Jetzt zeigt, wird auf der Grundlage früherer Erfahrungen und Gefühlszustände beurteilt.

Der Nachvollziehbarkeit und Ehrlichkeit mir selbst und diesem Text gegenüber möchte an dieser Stelle erwähnt werden, dass ich in meiner Jugend eine lebensbedrohliche Situation erlebt habe, in der ich vermutlich dem Tod näherstand als dem Leben, aus der ich mich befähigen konnte (oder befähigt wurde?) lebendig herauszukommen. Die durch dieses Erlebnis entstandene Todesangst, die mich seither in meinem Leben begleitet, soll im weiteren Verlauf vor allem Bezugspunkt sein, da sie sich als Erscheinungsform der zukunftshemmenden Angst am eindeutigsten zeigt, auch wenn verschiedenste oben benannte Erscheinungsformen mitgedacht werden.

Die Todesangst beurteilt voreingenommen Situationen in meiner Außenwelt und führt meine Gedanken zu Vorstellungen, dass ich sterbe. Beispielsweise werden beim Mitfahren im Auto Situationen auf der Straße in meiner Vorstellung maßlos übertrieben fortgesetzt, die dann in einem schweren Unfall und im Tod enden. Das Interessante daran ist, dass diese Vorstellungen nicht nur Gedankenformen bleiben, sondern zu einem realen inneren Erleben werden. Es entstehen somit zwei parallel zueinander existierende Welten – das innere Erleben und die Außenwelt – welche nicht deckungsgleich sind. Die Aussage, das innere Erleben sei nicht angemessen, liegt nahe, doch die alleinige Kenntnis dieser Tatsache reicht nicht aus, um den Zustand der Angst zu beenden. Vielmehr stellt sich die Frage, wie sich das innere Erleben selbst dazu befähigen kann, die Außenwelt in ihrem ganzen Sein wahrzunehmen. Das Eintreffen der durch die Angst hervorgerufenen Vorstellungen ist nicht vollkommen auszuschließen und somit in gewisser Weise nachvollziehbar. Diese potentielle Realität ist jedoch nur ein winziger Bruchteil aller potentiellen Realitäten, die in dem Moment in der Gegenwart liegen. Somit wird eine künstliche Gewichtung einer potentiellen Realität in Form einer konkreten Vorstellung aufgrund der eigenen Vergangenheit vorgenommen, die dann zu einem Erleben in der Gegenwart wird. Die Frage stellt sich nach einem Erleben, das von der Vergangenheit zwar gestärkt, jedoch unvoreingenommen ist und somit alle potentiellen Realitäten im Gleichgewicht unkonkret als Kraft in der Gegenwart erlebt.

Rudolf Steiner beschreibt, dass die Angstgefühle, die durch eine vorurteilsbehaftete Wahrnehmung entstehen, unwirksame „Seelenkraft“[1] verschwenden, die erspart werden sollte.[2] Wenn der Mensch die Fähigkeit des Ersparens ausbildet und pflegt, werden die ersparten Kräfte in die Entwicklung eines höheren Bewusstseins einfließen:

„Wiederholt er solche Vorgänge [des Ersparens] oft, so wird aus den fortlaufend ersparten Seelenkräften ein in-         nerer Schatz gebildet, und der Geheimschüler wird bald erleben, dass ihm aus solchen Gefühlsersparnissen die     Keime zu Vorstellungen erwachsen, welche Offenbarungen des höheren Lebens zum Ausdruck bringen.“[3]

Der Aussage nach zufolge wird dieser innere Schatz nur dann ausgebildet, wenn sich der Mensch nicht in diese Art der Angstgefühle hineinbegibt, was als ein weiterer Hinweis auf die hemmende Wirkung dieser Angst gedeutet werden kann. Der im Sinne der Fragestellung gesuchte Umgang betrifft somit nicht diese Art der Angst. In Bezug auf die zukunftshemmende Angst kann meiner Ansicht nach gesagt werden, dass es dem eigenen Erkenntnisprozess gegenüber unwirksam ist, die zukunftshemmenden Angstgefühle bis in die Tiefe hinein zu analysieren. Es scheint, als würden sie durch die dafür aufgewendeten Kräfte noch mächtiger werden. Ein Umgang mit dieser Art der Angst könnte sich demnach darauf belaufen, die Angstgefühle zwar wahrzunehmen, sich dann jedoch ihnen gegenüber in Akzeptanz zu üben. Dem Anschein nach wirkt sich dieses Verhalten bereits merklich darin aus, dass die aufkommenden Ängste zwar nicht verschwinden, aber weniger intensiv erlebt werden, beziehungsweise kürzer andauern. So als verlieren sie durch die Entscheidung ihnen weniger Wichtigkeit zuzusprechen, die Nahrung, die sie gespeist hat.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass diese Art von Angst einen konkreten Bezug zur Vergangenheit herstellt, aus dem heraus die Gegenwart beurteilt wird, woraus sich ein Handeln ergibt, das nur zur Reproduktion von bereits Dagewesenem fähig ist. Der Mensch erlebt sich selbst als lebloses, orientierungsloses Wesen, da er aufgrund seiner vorurteilenden Wahrnehmung nicht dazu fähig ist, sich in seinem Entwicklungspotenzial wahrzunehmen. Denn Entwicklung setzt immer einen Raum für Neues voraus. Da dieser aufgrund der Angst nicht geschaffen wird, muss sich das Ich zwangsläufig aus einer Vielzahl vergangener starrer Formen zusammensetzen, die im Innern wie im Außen erbaut und festgehalten werden, da es keine lebendige Kraft in sich zu erleben vermag.

Rudolf Steiner spricht Angst nur da „eine gewisse Berechtigung [zu], wo sie uns aufmerksam macht, dass wir uns stark machen sollen, aber alle unnatürlichen Angstgefühle, die den Menschen quälen, müssen ganz und gar verschwinden.“[4] Die zuvor beschrieben Angstgefühle sind in dem angeführten Zitat als unnatürlich bezeichnet, die aufgegeben werden sollen. Doch welche Art der Angst könnte demnach als natürlich beschrieben werden, die den Menschen stärken kann und somit als Einladung zu Selbsterkenntnis begriffen werden könnte?

Die zukunftsschaffende Angst

Die Angst, die darauf untersucht werden soll, Entwicklungspotenzial zu enthalten, ist beschreibbar als Zustand völliger Leere. In dem Erleben dieser Angst ist in mir nichts ausfindig zu machen, an dem ich mich festhalten könnte. Es ist, als würde alles, das mir im alltäglichen Leben Sicherheit zu geben scheint, in Staub zerfallen. Das Erleben dieser totalen Unsicherheit säte in mir den Samen aus, mein Bewusstsein auf die Dinge zu richten, die mir anscheinend in meinem Leben Sicherheit geben. Bei näherer Betrachtung und kritischer Hinterfragung macht es den Anschein, als bliebe nichts von all dem übrig, von dem ich unbewusst glaubte, es mit Tatsachen zu tun zu haben.  Beispielsweise erlebe ich mich im Alltag als stark beeinflusst und geformt durch meine Erlebnisse und Erfahrungen, die ich bereits in meinem Leben sammeln durfte und identifiziere mich in gewisser Weise mit ihnen. Doch wenn ich tief in diese Annahme hinein spüre, dann weiß ich, dass mich das nicht ausmacht. Ebenso die Vielzahl an Informationen, die ich auf meinem Weg aufgenommen habe, die ich in meinem Alltagsbewusstsein oft für Wissen halte, zerplatzen in einem solchen Moment der Reflexion wie Seifenblasen. Das, was sich am meisten nach mir selbst anfühlt, sind meine Emotionen. Doch dann fällt mir auf, dass ich manchmal fröhlich bin und im nächsten Moment plötzlich wütend oder enttäuscht. Mir fallen auch Situationen ein, in denen ich auf etwas reagiere und kurze Zeit später einsehe, dass ich von einer Emotion getrieben war, die mein Handeln ausführte. Bin ich also wirklich meine Emotionen? Nachdem auch diese Antwort mit Nein ausfällt, werde ich innerlich unruhig. Mein Bewusstsein fängt an, sich zu weiten, in der Hoffnung etwas finden zu können, das mir Halt gibt. Ich versuche mich in der Beziehung zu meiner Mutter, meinem Vater und meiner Schwester zu spüren, denn bei ihnen bin ich ganz ich selbst. Aber wer ist dieses Selbst? Wo kommt es her? Wo komme ich her? Der Gedanke, ich sei zufällig durch die Addition zweier Zellen meiner Eltern entstanden, wirkt in dem Prozess mir einen Begriff von mir selbst zu bilden fast schon absurd. In mir entsteht die Frage, ob ich überhaupt eine Ahnung von dem habe, was sich selbst Ich nennt. Ich spüre die Antwort in Form eines Gefühls auftauchen, doch bemerke gleichzeitig eine Instanz in mir, die sich wehrt, sie zuzulassen. Die Antwort, die sich leise formt, ist ein Nein. Wenn ich diese Antwort als Gefühl weiter in mir aufkommen lasse, fühlt es sich so an, als würde jeder Schritt in Richtung der Antwort mir ein Stück weiter den Boden unter den Füßen wegreißen. Wenn nichts die innere Ich-Prüfung besteht, was bleibt denn dann übrig? Wer bin ich denn dann?! Es folgt ein Gefühl, als löste ich mich einfach auf. Ebenso wie alles, was ich zuvor zu wissen glaubte. Alles, was dann ist, ist Angst. Eine inhaltslose, tobende, kraftvolle Angst davor, mich in Luft aufzulösen.

Die in dieser Arbeit von mir dargelegten Gedanken konkretisieren sich erst nach einer solchen Angsterfahrung. Innerhalb der Erfahrung ist kaum etwas Konkretes zu erfassen. Wenn ich die Erfahrung im Nachhinein sehr aufmerksam reflektiere, scheinen sich die Gedanken, die zuvor unkonkret erlebt wurden, zu konkretisieren. Diese Angst überkommt mich oftmals phasenweise und in verschiedenen Situationen. Das erste Mal überkam sie mich beim Fahren auf der Autobahn, und äußerte sich darin, dass es sich so anfühlte, als ob mein Bewusstsein aus meinem Körper herausgezogen werden würde. Ich bemühte mich mit aller Kraft, mich in einem Zustand der Wachheit zu halten. Beim Versuch meinen Blick und meine Aufmerksamkeit auf der Straße zu halten, fingen alle Wahrnehmung an sich in Bewegung zu setzen. Es kam mir so vor, als würde ich bei wachem Bewusstsein einschlafen oder ohnmächtig werden. Dieser innere Kampf mich in die gewohnte Welt zurückzuholen war so intensiv, dass ich schnell bemerkte, dass ich nicht mehr fähig war das Auto zu kontrollieren und hielt augenblicklich auf dem Seitenstreifen an. Meine Schwester, die als Beifahrerin mit im Auto saß, erzählte mir später, dass ich die Fahrbahnlinien mehrmals gewechselt hatte, woran ich mich nicht mehr erinnern konnte.

Mein Herz raste; ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, was gerade mit mir passiert war. Meine erste Vermutung war, dass ich eine Panikattacke erlitten hatte, doch ein klares Gefühl in mir sagte mir, dass das nicht der Fall war. Zu dieser Zeit war ich sehr verbunden mit mir, hatte mich viel mit mir und meiner Innenwelt auseinandergesetzt. Ich konnte mir nicht vorstellen, in den vorigen Wochen nichts von einer sich anbahnenden Panikattacke gemerkt haben zu sollen.

Bereits auf der Autofahrt, die ich von dort an auf dem Beifahrersitz fortsetzte, hatte ich das Gefühl, dass das der Anfang von etwas Großem war, auch wenn mich gleichzeitig bis zum Moment des Einschlafens eine Furcht begleitete, dass ich das nochmal erleben müsste. Als ich am nächsten Morgen meinem Vater von der Situation erzählte, lud er mich dazu ein, mit ihm in die Christengemeinschaft zu gehen. Ich war noch nie aus eigenem Willen dort hingegangen, und das letzte Mal war bereits viele Jahre her. Doch die Worte meines Vaters sprachen das leise Gefühl in mir an, das mich spüren ließ, dass diese Erfahrung nichts Negatives war, sondern mehr so etwas wie eine Einladung. Eine Einladung zu etwas, von dem ich keinerlei Vorstellung hatte, ein ziemlich großer Teil in mir sich fürchtete und das Annehmen dieser Einladung in gewisser Weise in unmittelbarer Verbindung mit der Bejahung eines Gottesdienstes stand, auf den ich eigentlich keine Lust hatte. Doch mir war dieses Gefühl, dass ich mich etwas hingeben sollte, auch wenn alles nach weglaufen schreit, bereits sehr vertraut. Auch meinen Verstand, der mir in solchen Situationen zu verstehen geben wollte, dass das, was ich vorhabe, keinen Sinn ergibt, habe ich ungefragt um das kleine Wort noch erweitert. Diese beiden Vorsätze sind zu Prinzipien herangewachsen, die ich auch in diesem Fall nicht umgehen konnte. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als mit in die Christengemeinschaft zu gehen.

Während des Gottesdienstes machte ich dann (wie zu erwarten …) eine sehr wertvolle Erfahrung. Ich hatte das Gefühl, jedes einzelne Wort zu verstehen, das der Pfarrer sprach. Es war nicht nur so, dass ich verstanden habe, was er sagt, sondern als würde ich ebenfalls die Bedeutung dessen, was gesprochen wird, verstehen. Das Einzige, an das ich mich inhaltlich im Nachhinein erinnern konnte, war ein Versprechen, das ich mir in dem Moment gegeben hatte; ich werde diesem Angstgefühl vom Vortag so gut ich kann offen begegnen.

Vom Umgang mit der Angst

Seither ist mir diese Angst in verschiedenen Situationen im Alltag begegnet. Eine Situation, in der sie mir bisher am regelmäßigsten begegnet ist, ist der Moment des Einschlafens, der im Folgenden zur Beschreibung meines Umgangs mit der Angst dargelegt werden soll. Normalerweise lege ich mich hin und schlafe relativ schnell ein. Jedoch ist es rückblickend eher so, als sei ich vollkommen im Wachbewusstsein (zwar müde, aber wach) und im nächsten Moment im Schlaf. Gewöhnlich ist es also so, als bekäme ich vom Übergang vom Wachbewusstsein zum Schlafbewusstsein nichts mit. In Phasen, in denen ich während dieses Übergangs der Angst begegne, ist das anders. Auch dann begebe ich mich zunächst angstfrei wie gewohnt – das bedeutet unbewusst – an die Schwelle, an der ich meiner Vermutung nach normalerweise in den Schlaf übergehen würde. Doch dann spüre ich plötzlich eine tiefe Angst, die wie ein Stromschlag durch meinen gesamten Körper schnellt. Ich erschrecke und versuche in meiner Not wieder ins volle Wachbewusstsein zu gelangen. Der erste Schritt des Umganges mit der Angst ist meiner Erfahrung nach das wertfreie, interessierte Beobachten dessen, was sich in mir zeigt. Ich versuche mich nicht von der Vielzahl an Gefühlen und Gedanken, die in mir toben, mitreißen zu lassen, sondern diese nur zu beschauen. Das ist im Erleben der Angst sehr schwierig, vielleicht trifft es eher zu, dass ich die aufkommenden Gefühle und Gedanken reflektiere, es jedoch nicht vermag, diese zu kontrollieren. In dem Moment, in dem ich dann schnell atmend mit hohem Puls in meinem Bett sitze, bemerke ich, dass sich die Angst bereits geändert hat. In dem Moment, in dem ich wieder ganz wach bin, entwickele ich, ohne etwas dagegen tun zu können, eine Angst vor der gerade erlebten Angst. Der Wechsel von einer Qualität der Angst zu einer anderen ist an dieser Stelle klar erkennbar. Eine Wahrnehmung, die mir vermutlich entgangen wäre, wenn ich mich nicht dazu entschieden hätte, das, was aufkommt, zu beobachten. Das Bemerken dieser Tatsache erzeugt in mir ein Gefühl, dass als ein Vertrauen in die aufkommenden Impulse beschrieben werden kann. Es fühlt sich an, als wäre ich durch das Beobachten selbst aktiv in der mich beherrschenden Angst. Aus diesem kleinen Anteil in mir, der seine Selbstwirksamkeit anfängt, in der Angst zu spüren, scheinen Fragen zu erwachsen. Was fühle ich jetzt gerade? Wo kam die Angst während des Einschlafens her, und wodurch wurde sie ausgelöst? Neben diesen Fragen spüre ich weiterhin die Angst, die sich vor dem soeben Erlebten und allen darauf abzielenden Fragen fürchtet. Nichtsdestotrotz will etwas in mir diesen Fragen versuchen näherzukommen, so als koexistierten zwei Instanzen in mir nebeneinander. Vor allem eine Frage schafft es immer wieder bis in mein Bewusstsein vorzudringen: Inwiefern unterscheiden sich die beiden Ängste qualitativ voneinander?

Die während des Einschlafens aufkommende Angst ist kraftvoll und füllt mich in dem plötzlichen Erleben völliger Leere komplett aus. Es existiert kein Gedanke, kein anderes Gefühl, nur Angst. Es fühlt sich an, als wäre ich im tobenden Meer von einer Welle erwischt worden, die mich unaufhaltsam umherwirbelt, sodass es kein oben, kein unten, kein innen und kein außen mehr gibt. Nur kraftvolle, unkontrollierbare Bewegung, der ich dem Anschein nach hoffnungslos ausgeliefert bin. Der Wachzustand wirkt dann wie eine überlebensnotwendige Schutzhütte, in die ich dann zurück flüchten muss, als gäbe es keinen anderen Weg. Die Angst, die dann aufkommt, wenn ich wieder komplett wach bin, ist eine Angst vor der Angst. Sie ist nicht leer, sondern fürchtet sich in Form von Gedanken, Vorstellungen und Gefühlen davor, dass das Erlebnis erneut auftritt. Das bedeutet, dass sie aus der Vergangenheit heraus entsteht und als die zuvor erläuterte zukunftshemmende Angst demaskiert werden kann. Ich versuche mich zu beruhigen, indem ich bewusst atme und die Gedanken, nachdem ich sie als hemmend erkannt habe, nicht so ernst zu nehmen und mich wieder dem Einschlafen hinzugeben. Mit der Zeit beruhigen sich meine Gedanken und ich werde wieder müde. Und dann: Angst! Der Vorgang wiederholt sich. Bei jedem Mal fällt es mir zumindest nach dem Angsterlebnis leichter, meine Gedanken zu beobachten. Umso mehr ich ihren Vergangenheitscharakter entblöße, umso weniger falle ich in die lähmende Form der Angst hinein. Dafür muss ich jedoch den Mut aufbringen, mich wirklich in die Gedanken hineinzubegeben, um sie in ihrem illusionären Wesen zu erleben. Dann offenbaren sie sich als leere Hüllen, die in sich zusammenfallen. Je mehr Gedanken auf diese Weise vergehen, desto mehr erwächst in mir ein Gefühl der Neugierde. Wenn die Angst vor der Angst weniger wird, wird auch die Beurteilung durch die Vergangenheit geringer, und das Erleben kommt mehr in die Gegenwart hinein.

Daraus resultiert das Vorhaben, das Fliehen beim nächsten Einschlafprozess, falls die Leere erneut auftreten sollte, so lange es mir möglich ist hinauszuzögern, um sie bewusster erleben zu können. Dieser mitgebrachte Mut äußert sich innerhalb der Angsterfahrung – ebenfalls wie das Beobachten der Gedanken nach dem Angsterleben – als Selbstwirksamkeitserfahrung. Diese mache ich dieses Mal jedoch bereits an der Angst selbst und nicht erst danach. Der Umgang mit der Angst erwächst somit aus meinen eigenen Impulsen heraus. Die Erfahrung an der Angst lässt sich als fortlaufender Kampf gegen den Impuls des Fliehens beschreiben. In der Angsterfahrung, in der alle Formen wegbrechen und ich nicht mehr weiß, wer ich bin und was mich ausmacht, ist alles, was dann ist ein Wille, der sagt: Ich halte diese Leere aus. Ich bleibe hier stehen. Und plötzlich werde ich mir darüber bewusst, dass das, was den unaufhaltsamen Willen zum Kämpfen und Stehenbleiben aufbringt, ich bin. Und zwar nicht das kleine Ich, das sich als eine durch hemmende Ängste und Konditionierungen unbewusst selbst erhaltende Illusion entpuppt hat, sondern das Ich, welches sich und sein Werden durch sich selbst erlebt und hervorbringt.

Das Wesentliche ist demnach die innere Haltung, mit der der Angst begegnet wird. Diese ist meiner Erfahrung nach zunächst ausschließlich durch die Vermeidung der Angstbegegnungen gekennzeichnet. Jegliche Erscheinungsformen der Angst und die Situationen, in denen sie aufkommen könnte, werden versucht zu vermeiden. Die Folge davon ist ein Ich, das sein bekanntes Territorium nicht verlässt, solange kein Umgang mit der Angst gefunden werden will. Das Verharren im Bekannten kann jedoch keine Weiterentwicklung mit sich bringen. Der Umgang mit der Angst entscheidet somit letztlich darüber, inwieweit die Fähigkeit des Menschen ausgebildet wird, sich selbst in seinem noch nicht realisierten Potenzial erleben zu können.

„So kann die Angst als seelische Empfindung von der Entwicklungsfähigkeit des menschlichen Ich gelten, und der Mensch ist in dem Maße seelisch-geistig entwicklungsfähig, in dem er sich mit der Angst auseinanderzusetzen vermag.“[5]

Sich dem Umgang mit der Angst zu verweigern, bedeute dieser Aussage nach zufolge die Verleugnung dessen, was das Ich auszumachen scheint. So als läge etwas in der Angst, das für die menschliche Entwicklung unverzichtbar ist, was jedoch nur von ihm entdeckt werden kann, wenn er selbst es will. Rudolf Steiner verdeutlicht anhand folgender Beschreibung, dass der Mensch durch das Heraustreten aus dem Bekannten, das zwangsläufig mit Angst einhergeht, eine Kraft in sich erleben kann, die durch das Sich-Einlassen auf das, was sich zeigt, in ihm geweckt werden kann: „Und wenn das Ich nur erfasst wird von diesem seinen Hinausstreben, dann lebt schon in ihm jene Kraft, die Entwicklungskraft ist.“[6] Das bedeutet, dass diese Bewegung des aus sich selbst Hinausstrebens die Voraussetzung dafür ist, das Ich – und somit sich selbst – wahrnehmen zu können. Diese Behauptung stimmt ebenfalls mit meinem eigenen Erleben überein. Ich konnte nur in dem Moment etwas von meinem wahren Ich wahrnehmen, als ich in der Angsterfahrung den Kampf gegen das Fliehen aufgenommen habe und dadurch fähig war, die Kraft meines Ich zu spüren. Es kann also gesagt werden, dass das Ich durch die Angst an seine eigene Grenze geführt wird, dessen willentliches Durchbrechen zu einem Ich-Erleben führt.

Zusammenfassend kann der Umgang, der die Angst als Kennzeichnung außerordentlicher Erfahrungen begreift, als ein unentwegtes Einlassen beschrieben werden. Einlassen auf das, was werden will. Was jedoch nur werden kann, wenn sich das Ich in ein Erleben hineintraut, indem es durch nichts mehr gehalten wird und sich somit selbst in seiner lebendigen Kraft erlebt. Erst nach diesem Sprung ins Nichts erlebt sich das Ich von etwas geführt, zu dem es ein natürliches Vertrauen spürt. Deshalb natürlich, weil das was einströmt, als das erkannt wird, was zu dem Ich selbst gehört. Folglich kann die in diesem Text vordergründig untersuchte Angst als zukunftsschaffend bezeichnet werden, weil sie das Ich aus seiner gewohnten Ordnung herausreißt und an seine Sehnsucht appelliert, zu dem zu werden, was es (noch nicht) ist. Somit lässt sich die in der Angst vermutete Einladung zur Selbsterkenntnis bereits erahnen.

Inwiefern kann von einer Einladung zur Selbsterkenntnis gesprochen werden?

Die Kraft, die das Ich dazu befähigt, vor der Angst stehen bleiben zu können, ist Willenskraft, welche sich an dem Angsterleben formt.

„Der Wille äußert sich zunächst in einer Art Durchhalte-Bewusstsein: sich der Angst zu stellen, sie aushalten und auch überwinden zu wollen, obgleich momentan weder die eigene Gedankentätigkeit noch das Gefühl etwas gegen die Angst ausrichten können.“[7]

Der Wille strömt hinaus, ohne auf etwas Konkretes abzielen zu können, denn das, was das Ich sein müsste, um der Angst begegnen zu können, ist es noch nicht. An dieser Stelle wird ein Vertrauen spürbar, dass das, was jetzt ist, eine Notwendigkeit für die Realisation des Ich hat, wodurch das Sich-Einlassen ermöglicht wird. Die Folge dessen ist, dass die Situationen, in denen Angst ausgelöst werden könnte, nicht mehr aktiv gemieden werden. „Diese längerfristige Willensintention ist Ausdruck der Bereitschaft, sich den Bedingungen der Ich-Entwicklung und Weltbegegnung zu stellen und nicht die seelische Beruhigung zum höchsten Prinzip zu erheben.“[8] Das, was entsteht, ist ein Vertrauen in die Angsterfahrung, dass diese wegweisend für das Ich sein kann. Mehr noch; die Angsterfahrung wird als Erkenntnisakt begriffen, wodurch sie nicht mehr vermieden werden will, obwohl sie mit einem enormen Unwohlsein einhergeht.

Dem Ganzen geht jedoch ein Springen ins Nichts voraus, weshalb von einer Einladung gesprochen werden kann. Das kleine Ich kann nämlich aufgrund der Tatsache, dass es aus leblosen Formen erbaut ist, nicht dazu fähig sein, diese Kraft der Anbindung wahrzunehmen. Somit muss das Streben zum wahren Ich mit einem Sprung ins Nichts verbunden sein. Ich denke, dass das Vertrauen in diesen Sprung gestärkt werden kann, wenn auch die Angst weiterhin als Angst erlebt werden wird. Jedoch hofft der Text aufgezeigt zu haben, dass die Vermeidung der Angst nicht das angestrebte Ziel darstellt, weshalb die Vermutung weiterhin mit der Angst in Kontakt zu bleiben, fast eine sanfte Freude auslöst.

Aus meiner Beobachtung heraus ergibt sich die Annahme, dass dem Menschen auf dem Weg der Selbsterkenntnis nichts geschenkt wird. Die Herausforderungen beziehungsweise die Einladungen des Lebens anzunehmen oder auch nicht; darin liegt meiner Ansicht nach eine Vorstufe der Freiheit des Menschen, die sich dann realisieren kann, wenn der Mensch sie leben will. Durch die zukunftsschaffende Angst bekommt das Ich die Gelegenheit, sich selbst in seinem Werden zu begreifen, wodurch es seine wahrhaftige Lebendigkeit erahnen kann. Das Aushalten dieser lebendigen Kraft ist etwas, das mühsam und geduldig erlernt werden muss. Dieser Text hat indirekt die Frage nach dem Erlernen dieser Fähigkeit gestellt, woraus ein Umgang mit Angst erwachsen ist, der auf einer Öffnung gegenüber dem, was sich zeigt, einerseits und einem Sich-Führen-Lassen von der Kraft, die dann erlebbar wird andererseits beruht.

Rückschauend lässt sich beobachten, dass aus den auf meinem Weg gewonnenen Erkenntnissen ein tiefes Vertrauen erwachsen ist, dass mich das Leben unentwegt vor die erforderlichen Aufgaben stellt, auch wenn deren Notwendigkeit noch nicht immer ersichtlich ist. Daraus folgt der Wille, mich der natürlichen Angst bedingungslos hinzugeben, in dem Vertrauen, zu dem zu werden, was ich bin.

 

Quellen- und Literaturverzeichnis 

Klünker, Wolf-Ulrich (2007): Die Antwort der Seele, Stuttgart: Freies Geistesleben. 

Steiner, Rudolf/Gut, Taja (2013): Stichwort Angst, 2. Aufl., Basel/Schweiz: Futurum.

[1]     Steiner, Rudolf/Gut, Taja (2013): Stichwort Angst, 2. Aufl., Basel/Schweiz: Futurum, S. 7.

[2]     Vgl. ebd.

[3]     Ebd.

[4]     Ebd., S. 55.

[5]     Klünker, Wolf-Ulrich (2007): Die Antwort der Seele, Stuttgart: Freies Geistesleben, S.33.

[6]     Steiner,Rudolf/Gut, Taja 2013, S. 41.

[7]     Klünker, 2007, S. 34.

[8]     Ebd.

Charline Fleischhauer ist Studentin an der Alanus Hochschule